Dokumentiert:

aus: Kurdistan-Rundbrief
16.5.2000

Beschlüsse
des 7. Kongresses der PKK

 

Kaum in der kurdischen Bevölkerung - weder in Kurdistan noch im Exil - aber doch bei ihren Unterstützern oder sie kritisch Beobachtenden ist strittig, ob die von der PKK seit geraumer Zeit vertretene Politik der Zivilisierung des Kampfes in der Türkischen Republik irgendwelche Erfolgs-
aussichten hat. Von daher ist es von Interesse, die authentischen Positionen kennenzulernen, so dass sich die Öffentlichkeit damit auseinandersetzen kann. Wir dokumentieren daher den folgenden Text.
Der 7. Kongress fasste folgende Beschlüsse:

 


A) In Bezug auf unseren Vorsitzenden Abdullah Öcalan

Unser Kongress betrachtet den Prozess in Imrali gegen unseren Vorsitzenden, Abdullah Öcalan, als Ursache und Folge der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Anatolien und Mesopotamien. In dieser Hinsicht sind die Bedingungen unseres Vorsitzenden ein Ausdruck der Bedingungen, in denen auch das kurdische Volk leben muss. Sein Lebensrecht ist auch das Lebensrecht des kurdischen Volkes, und seine Freiheit ist auch die Freiheit des kurdischen Volkes. Auf dieser Grundlage kämpft unser Vorsitzender trotz schwieriger Bedingungen für den Frieden. Das Leben und die Freiheit Abdullah Öcalans sind die Voraussetzungen für die Umsetzung und Verwirklichung des vorgelegten Friedensprojektes.

B) In Bezug auf die Verfassung und juristische Bedingungen:

    1. Unsere Partei sieht es als einen grundlegenden Schritt an, wenn die nationale Identität des kurdischen Volkes erneut anerkannt wird, wie seine Anerkennung, als Mitbegründer der Republik, in den ersten Verfassungsdokumenten der Türkei im Protokoll von Amasya niedergelegt war. Des weiteren müssen die staatsbürgerlichen Rechte verfassungsmäßig garantiert und festgeschrieben werden, damit die Völker durch ein freies und selbstbestimmtes Miteinander eine beständige Basis für friedliche Veränderung und eine gesellschaftliche Verständigung bilden.
    2. Unserer Partei fordert, dass in der Türkei die Freiheit der Gedanken, des Glaubens, des Ausdrucks und der Organisierung durch eine demokratische und soziale Rechtsreform garantiert werden. Die Struktur des Staates muss sich, frei von undemokratischen Institutionen, in der Verfassung durch eine Vereinbarung manifestieren, die gesellschaftlichen Frieden und Verständigung sicherstellt.
    3. Unsere Partei glaubt an die Notwendigkeit, dass eine demokratische Verfassung dem Individuum, den politischen Gruppen, der kulturellen Identität (verschiedner Ethnien, d.Übers.) und unterschiedlichen Glaubensrichtungen die Grundlage für eine organisierte und freie Teilnahmemöglichkeit (am politischen und gesellschaftlichen Leben, d.Übers.) bieten muss. In diesem Sinne sollten Pluralismus und kulturelle Unterschiede nicht als schwächend, sondern als Bereicherung und Ergänzung angesehen werden.
    4. Unsere Partei sieht im Rahmen der universellen Rechtsnormen der generellen Prinzipien von menschlichen Grundrechten und Freiheiten folgende Punkte als Mindestforderung für einen dauerhaften Frieden und Demokratie: Eine Änderung der Verfassung und der Gesetze, die sich auf die kulturelle Identität, Sprache und alle anderen Grundrechte beziehen; die Einhaltung der Pariser Verträge, der Kopenhagener Kriterien und der UN-Charta müssen garantiert werden.
    5. Unsere Partei sieht es als notwendig an, alle Institutionen aufzulösen, die im Widerspruch zu allgemeingültigen Rechtsnormen stehen und dem Aufbau von Verwaltung und Politik in zivilen, demokratischen Ländern nicht entsprechen. An deren Stelle steht die Schaffung demokratischer Institutionen.
      Dafür müssen:
      a) der Ausnahmezustand aufgehoben werden;
      b) die Sondergerichte aufgelöst werden;
      c) die Macht der zentralen Autorität aufgeteilt und auf ein örtliches Verwaltungssystem übertragen werden.

C) In Bezug auf die politische Situation

    1. Die PKK sieht die Anerkennung der politischen Grenzen in der vorhandenen Form als einen grundlegenden Vorteil für das türkische und kurdische Volk an, da sie seit Hunderten von Jahren auf demselben Boden leben und das gleiche Schicksal teilen.
    2. Die PKK hält es für unverzichtbar für die umfassende Lösung der Probleme und für den inneren Frieden, dass die Todesstrafe unverzüglich abgeschafft wird. Des weiteren muss eine Generalamnestie für alle politischen Gefangenen erfolgen (einschließlich der wegen Gedankenvergehen verurteilten), für diejenigen, die politische Arbeit im Ausland leisten und für alle bewaffneten Einheiten in den Bergen.
    3. Die PKK hält es für notwendig, dass alle gesellschaftlichen Gruppen für die Bildung einer Grundlage für Frieden und Demokratisierung in die Diskussion mit einbezogen werden, um gemeinsam einen Beitrag zu leisten. Für die Umsetzung des Friedensprozesses ist eine weitere Voraussetzung, dass die politischen Parteien, die zivilgesellschaftlichen Organisationen, insbesondere die der Arbeiter und Frauen, sowie weitere gesellschaftlichen Schichten, in Kontakt und Dialog treten, um in diesem Rahmen durch gemeinsame Organisierung Aktivitäten zu entfalten.

D) In Bezug auf die ökonomische und soziale Situation:

    1. Unsere Partei sieht es als notwendig an, ein Rückkehrprogramm vorzubereiten und umzusetzen und die auf Grund des 15jährigen Krieges zerstörten mehreren tausend Dörfer neu aufzubauen, um der geflüchteten Bevölkerung eine Rückkehr zu ermöglichen. Es wird gefordert, dass der Staat für diesen Zweck finanzielle Mittel zur Verfügung stellt, um den erlittenen Schaden des Volkes wieder gut zu machen. Die Rückkehr muss ökonomisch, politisch und administrativ unter nationaler und internationaler Beteiligung gefördert werden. Unsere Partei wird dafür ebenfalls alle organisierten Kräfte einsetzen und in jeder Hinsicht unterstützend und mobilisierend mitwirken.
    2. Unsere Partei unterstützt Schritte für verantwortungsvolle ökonomische Investitionen und Entwicklungsprojekte, die historische Bauten und die Natur schonen, mit dem Ziel, die grundlegende ökonomische Situation der Region zu verbessern und den sozialen Wohlstand zu heben. Auf Grund der damit verbundenen schweren Zerstörung besonders der historischen Reichtümer und der Natur, wird die Aussetzung des Baus der Ilisu- und Mercan- Staudämme und die Einstellung der Projekte gefordert.

E) In Bezug auf die Beendigung der Gewalt

Unsere Partei glaubt daran, dass in unserer Epoche für die Lösung gesellschaftlicher und sozialer Fragen die Methode des bewaffneten Kampfes generell an Bedeutung verloren hat. Daher ist es unverzichtbar, die Gewalt in unserem Land zu beenden, um auf zivilisatorischer und menschenwürdiger Grundlage eine Verständigung und die Atmosphäre für einen Frieden zu entwickeln.

  1. Der bewaffnete Kampf wird für beendet erklärt. Die bewaffneten Einheiten werden so lange in Verteidigungsposition gehalten, bis die Voraussetzungen für einen Frieden geschaffen, die gesetzlichen und politischen Veränderungen vorgenommen und die notwendigen Sicherheiten gegeben wurden.
  2. Es wurde entschieden, die bewaffneten Einheiten hinter die türkische Grenze zurückzuziehen - das wurde weitgehend umgesetzt. Es wird abermals betont, dass die Türkei ihre Operationen beenden muss, damit die noch in der Türkei verbliebenen Kräfte abgezogen werden können.
  3. Die hinter die Grenzen abgezogenen Kräfte stellen keine Bedrohung mehr für die Türkei dar; alle dafür notwendigen Umstrukturierungen werden durchgeführt.
  4. Das Dorfschützersystem muss aufgehoben werden, und alle bewaffneten Einheiten, die nicht verfassungsmäßig festgelegt sind, sollen ihre Aktivitäten beenden. Die als "Morde unbekannter Täter" verübten Tausende von Verbrechen müssen aufgeklärt und die Verantwortlichen bestraft werden.
  5. Wenn die gesetzlichen und politischen Garantien gegeben worden sind und die Entwicklung positiv verläuft, ist parallel und organisiert die Eingliederung der gesamten Kräfte in die Demokratische Republik vorgesehen.
  6. Unter Berücksichtigung der o.g. Punkte müssen alle militärischen Operationen gegen unsere bewaffneten Einheiten und unser Volk eingestellt werden. Dafür ist es unverzichtbar, dass die in den Kriegszustand versetzten türkischen Armee-Einheiten entsprechend der normalisierten Lage umstrukturiert werden.
  7. Während der Kriegsjahre sind in dem Boden, auf dem das kurdische Volk lebt, Hunderttausende von Minen unterschiedlicher Bauweise verlegt worden. Es wird dazu aufgefordert, mit Hilfe türkischer und internationaler Spezialisten diese Minen zu beseitigen, um Menschenleben zu bewahren.

F) In Bezug auf einen dauerhaften Frieden In den kurdischen Regionen:

    1. Die PKK sieht für das gesamte kurdische Volk im Irak, im Iran und Syrien eine demokratische Lösung in den vorhandenen Grenzen vor. Falls eine gleichberechtigte, freie und demokratische Lösung realisiert wird, wird das kurdische Volk eine Brückenfunktion und Vorreiterrolle für die Entwicklung des Friedens und der Stabilität in der Region übernehmen.
    2. Die PKK strebt an, das größte Hindernis für die Lösung der kurdischen Frage, die Spaltung zwischen den Kurden, zu überwinden. Dafür wurden in einem langen und schwierigen Kampf Werte geschaffen, auf deren Grundlage eine nationale Einheit und Frieden hergestellt werden sollen. Auf diesem Hintergrund wird das Waffenstillstandsangebot an die KDP hiermit erneuert. Es ist das Ziel, mit der KDP und allen anderen politischen kurdischen Organisationen einen Dialog, einen dauerhaften Frieden und gegenseitige Beziehungen aufzubauen. Es wird dazu aufgefordert, dass alle nationalen Kräfte die für die Einheit und den Frieden unvereinbaren Verhaltensweisen der KDP aufmerksam beobachten und verurteilen.
    3. Von den bewaffneten Kräften unserer Partei aus wird es, sowohl im Süden als auch in allen anderen Gebieten, keine Aktionen und Bedrohungen anderen Einheiten gegenüber geben, falls sie nicht angegriffen werden. Bis auf weiteres werden die Kräfte in Verteidigungsposition gehalten.
    4. Unsere Partei möchte entsprechend der neuen Strategie nicht nur mit der Türkei, sondern auch mit dem Iran, Syrien und dem Irak die strittigen Fragen mit friedlichen Methoden lösen; das beinhaltet auch die Lösung zwischenstaatlicher Probleme, die generell mit Unterdrückung und Bedrohung nicht gelöst werden können. Die Bedrohung eines Staates gegenüber einem anderen kann nicht akzeptiert werden. Damit verbunden soll der mit der Türkei angestrebte Frieden keine anderen Staaten bedrohen, sondern den dauerhaften Frieden in der Region und die Zusammenarbeit fördern.

G) In Bezug auf die Realisierung des Friedensprojektes:

    1. Unsere Partei entwirft parallel im Rahmen des vorgestellten Friedensprojekts detailliertere Pläne für dessen Realisierung. Es ist vorgesehen, dass, auf Gegenseitigkeit beruhend, negative Faktoren für den Friedensprozess bekämpft werden. Dazu gehören primitiver Nationalismus, aggressiver Chauvinismus sowie provokatives und unkonstruktives Verhalten jeder Art.
    2. Alle Verhaltensweisen, die den Prozess für Frieden und Verständigung einer Gefährdung aussetzen könnten, müssen auf beiden Seiten verhindert werden.
    3. Unsere Partei fordert zur Realisierung des Friedensprojekts den Staat auf, sich seiner Geschichte und Größe entsprechend zu verhalten und Konstruktivität zu zeigen. Des weiteren wird dazu aufgefordert, dass alle staatlichen Institutionen, alle politischen Parteien, Nichtregierungsorganisationen und in der Gesellschaft einflussreiche Persönlichkeiten sich den Medien gegenüber sowie allgemein konstruktiv verhalten und an der Phase aktiv mitwirken.
    4. Für die Entwicklung des Friedens rufen wir die Staaten der Region, die internationalen Institutionen und alle Menschen auf, ihren Beitrag zur Unterstützung dieses Friedens zu leisten - im Bewusstsein der Tatsache, dass der Frieden in der Region auch für den Weltfrieden einen positiven und gravierenden Fortschritt bedeutet.