Neue Zürcher Zeitung
28.2.2001

Konflikt innerhalb der PKK

 

ogg. Der Richtungswechsel Öcalans hat auch
innerhalb der PKK zu Zerwürfnissen geführt.
Eine Gruppe von Dissidenten, die sich ins ira-
kisch-iranische Niemandsland abgesetzt hat,
wirft ihren ehemaligen Parteigenossen den
Ausverkauf des kurdischen Kampfes um
Selbstbestimmung vor. Indem die PKK den
auf Imrali inhaftierten Öcalan als Parteichef
bestätigt habe und seine Weisungen befolge,
habe sie sich dem Diktat Ankaras unterwor-
  fen, so das ehemalige Mitglied des Zentral-
komitees Ayhan Ciftci. Denn niemand könne
überprüfen, ob Öcalan die Anweisungen, die
er über seine Anwälte an die Partei übermittle,
freiwillig gebe oder Befehlen des türkischen
Sicherheitsapparats gehorche. Die türkische
Regierung brauche nur mit der Vollstreckung
des Todesurteils gegen Öcalan zu drohen, um
die PKK auf Kurs zu bringen.

     
Derzeit sollen deswegen etwa 30 Personen
wegen dissidenter Meinungen in einem Par-
teigefängnis inhaftiert sein, was von der PKK-
Führung allerdings heftig bestritten wird. Um
die parteiinterne Opposition in Schach zu
halten, habe der Führungsrat die «Organisa-
  tion für nationale Sicherheit» aus der Taufe
gehoben, deren Aufgabe es sei, Kritiker mit
Waffengewalt zum Schweigen zu bringen,
sagt Ciftci. Ehemalige Guerilleros berichten,
dass ihnen die Flucht nur unter grossen Ge-
fahren gelungen ist.
     
Unterdessen hat die PKK-Führung die partei-
interne Auseinandersetzung bestätigt und
gleichzeitig bekannt gegeben, dass der Kon-
flikt inzwischen beigelegt sei. Welches Aus-
mass der Richtungsstreit tatsächlich hat,
lässt sich schwer beurteilen. Neben der
Gruppe um die früheren ZK-Mitglieder Ayhan
Ciftci, Sait Cürükkaya und Yildirim Kaya, die
  sich unter dem Namen Freiheitsinitiative zu-
sammengeschlossen hat, haben sich in den
letzten zwei Jahren 145 Kämpfer abgesetzt.
30 weitere waren es nach KDP-Angaben al-
lein im Januar dieses Jahres. Unter Vermitt-
lung der irakisch-kurdischen Parteien sind im
letzten Jahr 60 Kämpfer zu ihren Familien
nach Syrien und in die Türkei zurückgekehrt.
     
Zusammen mit denjenigen, die seit Mitte
der neunziger Jahren flohen, steigt damit
die Zahl der Dissidenten auf rund 400. Da-
zu kommen die Kämpfer, die unerkannt in
die Türkei, nach Iran oder in den Irak zu-
rückkehren konnten. Ihre Motive sind so
verschieden wie ihre Herkunft. Die einen
haben die Strapazen des Guerillalebens
satt, vor allem Jugendliche plagt das Heim-
weh, andere wiederum wollen ihre politi-
  schen Utopien nicht preisgeben. Einig sind
sie sich in einem Punkt: Alle wollen ein Ende
des Blutvergiessens unter den Kurden. Auch
will niemand den bewaffneten Kampf gegen
die Türkei wieder aufnehmen. Sogar die For-
derung nach Aufnahme der Türkei in die Eu-
ropäische Union stösst auf Zustimmung.
«Wenn sich die Türkei demokratisiert, indem
sie der EU beitritt», sagt Ciftci, «dann kann
das kurdische Volk nur gewinnen.»