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Neue
Zürcher Zeitung Die
PKK im Nordirak Angst
vor neuen Kämpfen
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| Die Kämpfer
der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) haben sich nach der Ergreifung und In- haftierung ihres Führers Öcalan in den Nord- irak zurückgezogen. Ihre Friedensangebote sind in Ankara nicht erhört worden. Die iraki- |
schen
Kurden betrachten die Entwicklung mit Sorge und fürchten eine Ausweitung des Kriegs in ihrem Gebiet. Innerhalb der PKK ist eine Ab- setzbewegung von Führungskräften zu verzeich- nen. |
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| In einer
Mischung aus Stolz und Verwunde- rung zeigt Rengin auf das jüngste Foto in ih- rem Familienalbum. Links und rechts neben ihr stehen eine junge Frau und ein junger Mann in Guerillauniformen. Stil und Farbe der Kleidung verraten, dass es Kämpfer der aus der Türkei stammenden Kurdischen Arbeiter- partei (PKK) sind. Zwischen Momentaufnah- men von Schulausflügen, Hochzeits- und Fa- milienfotos finden sich weitere, schon etwas vergilbte und leicht zerfledderte Bilder von Gu- erillakämpfern der iranisch-kurdischen Demo- kratischen Partei, aber auch der irakisch-kur- dischen Patriotischen Union. Rengins kleines Album erzählt die Geschichte der Kandilberge, an deren südlichen Ausläufern das Dorf ihrer |
Familie
liegt. Steil steigt das Bergmassiv weni- ge Kilometer hinter dem Dorf am Nordende des Dokanstausees an und erstreckt sich bis nach Iran. Seine Unwegsamkeit machte es in den vergangenen vier Jahrzehnten zu einem wichti- gen Zufluchtsort für die kurdischen Guerillabe- wegungen der Region. Mit allen hat sich Ren- gins Familie arrangiert, so auch mit der PKK, die seit dem Herbst 1999 hier Zuflucht gefun- den hat. Doch nun droht die Familie zwischen die Fronten zu geraten in dem seit dem letzten September schwelenden Konflikt zwischen der PKK-Guerilla und der Patriotischen Union Kur- distans (PUK), in deren Regierungshoheit das Gebiet liegt. |
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| Ein ideales Rückzugsgebiet | ||
| Als die
PKK nach der Verhängung der Todes- strafe gegen Abdullah Öcalan der Türkei ihre Bereitschaft zum Frieden signalisiert und das Ende des bewaffneten Kampfes ankündigt hat- te, bot ihr die PUK die Kandilberge für den Rückzug ihrer Guerilla an. Bereits in den Mo- naten nach der Ausweisung Öcalans aus Sy- rien und seiner Odyssee durch Europa hatten PKK-Kämpfer auf der anderen Seite der Gren- ze in Iran Unterschlupf gefunden. Schätzungs- weise 4500 Guerilleros halten sich seitdem in den Kandilbergen auf, weitere 1500-2000 wer- den in Iran sowie in verschiedenen Lagern im |
Irak ver-mutet.
Die Kandilberge liegen in rund hundert Kilometern Entfernung von der irakisch- türkischen Grenze. Somit schien ein neues Aufflammen des zuletzt zwischen der PKK und der Türkei erbittert geführten Kriegs gebannt. Vor allem auf Seiten der PUK hoffte man, dass die Geste des guten Willens in Ankara einen Meinungsumschwung bewirken werde und es mit der Zeit zu einem Ausgleich käme. Inzwi- schen hat sich bei der PUK Ernüchterung ein- gestellt, sowohl hinsichtlich der Friedensbereit- schaft Ankaras als auch der Politik der PKK. |
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| Die Grosszügigkeit
der PUK gegenüber der Guerilla aus dem Nachbarland hat bei den Hardlinern in der Türkei erneut Begehrlich- keiten geweckt, ihren Kampf gegen die PKK- Guerilla auch Hunderte von Kilometern jen- seits der Grenze fortzusetzen. Wie bereits die Demokratische Partei Kurdistans (KDP), mit der sich die PUK seit 1991 die Regierungs- |
gewalt
im Nordirak teilt, muss nun auch die PUK die Erfahrung machen, dass Ankara nur dann bereit ist, die faktische Autonomie der irakischen Kurden anzuerkennen, wenn sie sich dem Kampf gegen die PKK anschliessen. Unterdessen hat Ankara der PUK mit einer In v asion gedroht, sollte sie nicht entschiedener gegen die PKK-Guerilla vorgehen. |
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| Aber auch
die PKK macht der PUK das Le- ben schwer. Während sie sich in der Türkei auf Forderungen nach demokratischen und kulturellen Rechten für die kurdische Minder- heit beschränkt, verlangt sie von PUK und KDP ein Mitspracherecht im kurdisch kon- trollierten Nordirak. Diese Forderung gelte es notfalls auch mit bewaffneten Mitteln durch- |
zusetzen,
heisst es in PKK-nahen Publikatio- nen. Für viele irakische Kurden wie Rengins Vater ist das ein absurdes Ansinnen. «Wir Kur- den müssen zusammenhalten», sagt er. «Die PKK muss aber auch Rücksicht auf unsere Lage nehmen. Wir können uns einen Krieg mit der Türkei nicht leisten.» |
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| Die Forderung
stösst auch bei ehemaligen Verbündeten der PKK auf Unverständnis. «In der Türkei sind sie mit weniger zufrieden, als wir hier erreicht haben», sagt ein Funktionär der örtlichen Zahmet-Keshan-Partei. «Aber bei uns wollen sie mitregieren. Dabei weiss jeder, dass die Türkei das niemals dulden wird.» Mit ihrer kompromisslosen Haltung provoziere die PKK nur die Ausweitung des Kriegs auf irakisch-kurdisches Territorium. Besonders verstimmt ist man darüber, dass |
die PKK
im vergangenen September PUK-Ein- heiten in den Kandilbergen angriff und damit eine neue Kriegsfront in Irakisch-Kurdistan er- öffnete. Die darauf folgenden Kämpfe im Sep- tember und Dezember forderten allein auf Sei- ten der PUK laut den Angaben ihres Führers Talabani 280 Tote. Mit ihrem Angriff habe die PKK der türkischen Armee Tür und Tor für ei- nen Einmarsch geöffnet, sagt Kadir Aziz, Vor- sitzender der Zahmet-Keshan-Partei. |
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| Diskrete türkische Präsenz | ||
| Wie viele
türkische Soldaten sich derzeit im Land befinden, lässt sich nur schwer beurtei- len. Bei einer Fahrt durch die Region sind we- der türkische Panzer noch türkische Stellun- gen zu sehen. Beobachter vermuten, dass sich 100-150 Offiziere zur Informationsgewin- nung im Land befinden. Vereinzelt sollen tür- kische Offiziere auch an den Kämpfen im De- zember beteiligt gewesen sein. Dabei wurden PUK- Kämpfer mit Winterbekleidung und Stie- feln sowie modernen Schnellfeuergewehren |
ausgestattet.
Darüber hinaus verbergen sich hinter zahlreichen Sport- und Kulturklubs turk- menischer Organisationen in der Regional- hauptstadt Erbil nur mässig getarnte türkische Niederlassungen. Für ein monatliches Salär von 80 Dollar erhalten dort junge Turkmenen und Kurden von türkischen Offizieren militäri- schen Drill. Auch hinter der Fassade einiger Büros in Suleimaniya verstecken sich türki- sche Beobachterposten. |
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| Für die
PUK ist die Kooperationen mit der Türkei freilich ein äusserst heikles Thema. Da Ankara eine zentrale Rolle in den seit 1998 andauernden Friedensgesprächen zwi- schen PUK und der Demokratischen Partei spielt, ist die PUK um das Wohlwollen An- karas bemüht. Die Verhandlungen stehen kurz vor dem Abschluss, nicht zuletzt we- gen der Zusicherung Ankaras, die Handels- beziehungen mit der PUK auszubauen. Gleichwohl muss die PUK darauf achten, ihren direkten Nachbarn Iran nicht zu verprel- len, der zurzeit als Schutzmacht der PKK auftritt, und sie muss auf die Stimmung an ihrer Basis Rücksicht nehmen. Zwar hat die PKK mit dem Krieg gegen die PUK bei der |
Bevölkerung
viele Sympathien verspielt. Die Invasionsdrohung Ankaras hat aber auch in- nerhalb der PUK für erheblichen Missmut ge- sorgt. Auf ihrem Anfang Februar in Suleima- niya abgehaltenen Parteikongress hat die PUK Geschlossenheit demonstriert. Es ist freilich ein offenes Geheimnis, dass sich im Dezember führende Kommandanten weiger- ten, an den Kampfhandlungen teilzunehmen. Für Unmut hat auch die Verhaftung von mut- masslichen PKK-Sympathisanten gesorgt. Obwohl die Festgenommenen inzwischen wieder auf freien Fuss gesetzt wurden, hat der Vorfall besonders in Intellektuellenkrei- sen Bitternis hinterlassen. |
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| Stellvertreterkrieg | ||
| Gefangen
im Netz der regionalen Machtinter- essen, bleibt der PUK wenig Spielraum, ei- nen Ausweg aus der Sackgasse zu finden. Bereits macht das böse Wort vom Stellver- treterkrieg die Runde, wonach PKK und PUK sozusagen stellvertretend für die Türkei und Iran künftig den Krieg um die Vormacht in der Region ausfechten. Die PKK müsse ihre Nie- derlage eingestehen und die Guerillaverbände auflösen oder wieder in die Türkei verlegen, verlangt der PUK-Chef Talabani. Doch dazu scheint man in der PKK nicht gewillt zu sein. Zwar kündigte Öcalans Bruder Osman, der dem siebenköpfigen Führungsrat angehört, im Herbst 1999 die Demobilisierung der be- |
waffnetenEinheiten
an, aber dazu ist es nie gekommen. Zum einen fand sich kein Land, das bereit war, grösseren Kontingenten Asyl zu gewähren. Zum anderen wurde der Plan wohl auch von der PKK- Führung nur halb- herzig verfolgt. Hochrangige Ex- Parteikader werfen der Führung gar vor, den Plan nie ernsthaft in Erwägung gezogen zu haben. Vielmehr habe sie bereits auf dem 7. Partei- kongress im Januar 2000 den Krieg gegen die PUK beschlossen, um sich der Türkei als Ordnungsfaktor für den Nordirak anzudienen - ein Vorschlag, den Öcalan während seines gegen ihn laufenden Gerichtsverfahrens unter- breitet habe. |
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| Bemühungen
verschiedener Parteien und Irans zur Vermittlung in dem Konflikt sind bisher gescheitert. Gibt es überhaupt einen Ausweg aus dem Dilemma? Nachdem die Türkei bisher alle Angebote der PKK brüsk zurückgewiesen hat, liegt der schwarze Peter bei der PUK. Auf Dauer wird sie dem türkischen Begehren kaum standhalten kön- nen. So bleibt der PKK als einziger Ausweg eine erneute Verlegung ihrer Guerilla - ent- weder nach Iran oder in die von Saddam kon- trollierten Gebiete des Iraks. Beide Länder |
werden
freilich wenig Verlangen verspüren, sich eine gut organisierte und trainierte Gue- rillatruppe ins Nest setzen zu lassen. Hinzu kommt, dass auch die PKK wenig Bereitschaft zeigt, ihre Politik an den Bedürfnissen der ira- kischen Kurden auszurichten. Anders als etwa die iranisch-kurdische Demokratische Partei oder die iranisch- kurdische Partei Komela, die ihre Guerillaaktivitäten einstellten, um Iran keinen Vorwand für militärische Strafaktionen gegen den Nordirak zu liefern, ist die PKK nicht zu einem solchen Schritt bereit. |
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| Die Verlierer stehen fest | ||
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Es scheint, als wäre
der politische Dissens |
Krieg
im Nordirak unausweichlich. Dabei ste- hen die Verlierer schon heute fest. Es sind Familien wie die von Rengin. Bereits einmal hat die Familie ihren gesamten Besitz verloren und musste fliehen, das war in den achtziger Jahren, als hinter ihrem Haus in den Kandil- bergen die Frontlinie zwischen der iranischen und der irakischen Armee verlief. Doch dies- mal ist es keine feindliche Armee, vor der sie fliehen muss, sondern die kurdische Guerilla, auf die Rengin bis vor kurzem noch grosse Stücke gehalten hat. |
* Die in München wohnhafte Autorin ist Ethnologin und freie Journalistin. Sie bereist regelmässig den Nordirak.