Neue Zürcher Zeitung
28.2.2001

Die PKK im Nordirak
in Bedrängnis

Angst vor neuen Kämpfen
im Kurdengebiet

Von Ina Rogg *

 

Die Kämpfer der Kurdischen Arbeiterpartei
(PKK) haben sich nach der Ergreifung und In-
haftierung ihres Führers Öcalan in den Nord-
irak zurückgezogen. Ihre Friedensangebote
sind in Ankara nicht erhört worden. Die iraki-
  schen Kurden betrachten die Entwicklung mit
Sorge und fürchten eine Ausweitung des Kriegs
in ihrem Gebiet. Innerhalb der PKK ist eine Ab-
setzbewegung von Führungskräften zu verzeich-
nen.
     
In einer Mischung aus Stolz und Verwunde-
rung zeigt Rengin auf das jüngste Foto in ih-
rem Familienalbum. Links und rechts neben
ihr stehen eine junge Frau und ein junger
Mann in Guerillauniformen. Stil und Farbe der
Kleidung verraten, dass es Kämpfer der aus
der Türkei stammenden Kurdischen Arbeiter-
partei (PKK) sind. Zwischen Momentaufnah-
men von Schulausflügen, Hochzeits- und Fa-
milienfotos finden sich weitere, schon etwas
vergilbte und leicht zerfledderte Bilder von Gu-
erillakämpfern der iranisch-kurdischen Demo-
kratischen Partei, aber auch der irakisch-kur-
dischen Patriotischen Union. Rengins kleines
Album erzählt die Geschichte der Kandilberge,
an deren südlichen Ausläufern das Dorf ihrer
  Familie liegt. Steil steigt das Bergmassiv weni-
ge Kilometer hinter dem Dorf am Nordende des
Dokanstausees an und erstreckt sich bis nach
Iran. Seine Unwegsamkeit machte es in den
vergangenen vier Jahrzehnten zu einem wichti-
gen Zufluchtsort für die kurdischen Guerillabe-
wegungen der Region. Mit allen hat sich Ren-
gins Familie arrangiert, so auch mit der PKK,
die seit dem Herbst 1999 hier Zuflucht gefun-
den hat. Doch nun droht die Familie zwischen
die Fronten zu geraten in dem seit dem letzten
September schwelenden Konflikt zwischen der
PKK-Guerilla und der Patriotischen Union Kur-
distans (PUK), in deren Regierungshoheit das
Gebiet liegt.

     
Ein ideales Rückzugsgebiet    
     
Als die PKK nach der Verhängung der Todes-
strafe gegen Abdullah Öcalan der Türkei ihre
Bereitschaft zum Frieden signalisiert und das
Ende des bewaffneten Kampfes ankündigt hat-
te, bot ihr die PUK die Kandilberge für den
Rückzug ihrer Guerilla an. Bereits in den Mo-
naten nach der Ausweisung Öcalans aus Sy-
rien und seiner Odyssee durch Europa hatten
PKK-Kämpfer auf der anderen Seite der Gren-
ze in Iran Unterschlupf gefunden. Schätzungs-
weise 4500 Guerilleros halten sich seitdem in
den Kandilbergen auf, weitere 1500-2000 wer-
den in Iran sowie in verschiedenen Lagern im
  Irak ver-mutet. Die Kandilberge liegen in rund
hundert Kilometern Entfernung von der irakisch-
türkischen Grenze. Somit schien ein neues
Aufflammen des zuletzt zwischen der PKK und
der Türkei erbittert geführten Kriegs gebannt.
Vor allem auf Seiten der PUK hoffte man, dass
die Geste des guten Willens in Ankara einen
Meinungsumschwung bewirken werde und es
mit der Zeit zu einem Ausgleich käme. Inzwi-
schen hat sich bei der PUK Ernüchterung ein-
gestellt, sowohl hinsichtlich der Friedensbereit-
schaft Ankaras als auch der Politik der PKK.

     
Die Grosszügigkeit der PUK gegenüber der
Guerilla aus dem Nachbarland hat bei den
Hardlinern in der Türkei erneut Begehrlich-
keiten geweckt, ihren Kampf gegen die PKK-
Guerilla auch Hunderte von Kilometern jen-
seits der Grenze fortzusetzen. Wie bereits
die Demokratische Partei Kurdistans (KDP),
mit der sich die PUK seit 1991 die Regierungs-
  gewalt im Nordirak teilt, muss nun auch die
PUK die Erfahrung machen, dass Ankara nur
dann bereit ist, die faktische Autonomie der
irakischen Kurden anzuerkennen, wenn sie
sich dem Kampf gegen die PKK anschliessen.
Unterdessen hat Ankara der PUK mit einer In
v asion gedroht, sollte sie nicht entschiedener
gegen die PKK-Guerilla vorgehen.
     
Aber auch die PKK macht der PUK das Le-
ben schwer. Während sie sich in der Türkei
auf Forderungen nach demokratischen und
kulturellen Rechten für die kurdische Minder-
heit beschränkt, verlangt sie von PUK und
KDP ein Mitspracherecht im kurdisch kon-
trollierten Nordirak. Diese Forderung gelte es
notfalls auch mit bewaffneten Mitteln durch-
  zusetzen, heisst es in PKK-nahen Publikatio-
nen. Für viele irakische Kurden wie Rengins
Vater ist das ein absurdes Ansinnen. «Wir Kur-
den müssen zusammenhalten», sagt er. «Die
PKK muss aber auch Rücksicht auf unsere
Lage nehmen. Wir können uns einen Krieg mit
der Türkei nicht leisten.»

     
Die Forderung stösst auch bei ehemaligen
Verbündeten der PKK auf Unverständnis. «In
der Türkei sind sie mit weniger zufrieden, als
wir hier erreicht haben», sagt ein Funktionär
der örtlichen Zahmet-Keshan-Partei. «Aber
bei uns wollen sie mitregieren. Dabei weiss
jeder, dass die Türkei das niemals dulden
wird.» Mit ihrer kompromisslosen Haltung
provoziere die PKK nur die Ausweitung des
Kriegs auf irakisch-kurdisches Territorium.
Besonders verstimmt ist man darüber, dass
  die PKK im vergangenen September PUK-Ein-
heiten in den Kandilbergen angriff und damit
eine neue Kriegsfront in Irakisch-Kurdistan er-
öffnete. Die darauf folgenden Kämpfe im Sep-
tember und Dezember forderten allein auf Sei-
ten der PUK laut den Angaben ihres Führers
Talabani 280 Tote. Mit ihrem Angriff habe die
PKK der türkischen Armee Tür und Tor für ei-
nen Einmarsch geöffnet, sagt Kadir Aziz, Vor-
sitzender der Zahmet-Keshan-Partei.

     
Diskrete türkische Präsenz    
     
Wie viele türkische Soldaten sich derzeit im
Land befinden, lässt sich nur schwer beurtei-
len. Bei einer Fahrt durch die Region sind we-
der türkische Panzer noch türkische Stellun-
gen zu sehen. Beobachter vermuten, dass
sich 100-150 Offiziere zur Informationsgewin-
nung im Land befinden. Vereinzelt sollen tür-
kische Offiziere auch an den Kämpfen im De-
zember beteiligt gewesen sein. Dabei wurden
PUK- Kämpfer mit Winterbekleidung und Stie-
feln sowie modernen Schnellfeuergewehren
  ausgestattet. Darüber hinaus verbergen sich
hinter zahlreichen Sport- und Kulturklubs turk-
menischer Organisationen in der Regional-
hauptstadt Erbil nur mässig getarnte türkische
Niederlassungen. Für ein monatliches Salär
von 80 Dollar erhalten dort junge Turkmenen
und Kurden von türkischen Offizieren militäri-
schen Drill. Auch hinter der Fassade einiger
Büros in Suleimaniya verstecken sich türki-
sche Beobachterposten.

     
Für die PUK ist die Kooperationen mit der
Türkei freilich ein äusserst heikles Thema.
Da Ankara eine zentrale Rolle in den seit
1998 andauernden Friedensgesprächen zwi-
schen PUK und der Demokratischen Partei
spielt, ist die PUK um das Wohlwollen An-
karas bemüht. Die Verhandlungen stehen
kurz vor dem Abschluss, nicht zuletzt we-
gen der Zusicherung Ankaras, die Handels-
beziehungen mit der PUK auszubauen.
Gleichwohl muss die PUK darauf achten,
ihren direkten Nachbarn Iran nicht zu verprel-
len, der zurzeit als Schutzmacht der PKK
auftritt, und sie muss auf die Stimmung an
ihrer Basis Rücksicht nehmen. Zwar hat die
PKK mit dem Krieg gegen die PUK bei der
  Bevölkerung viele Sympathien verspielt. Die
Invasionsdrohung Ankaras hat aber auch in-
nerhalb der PUK für erheblichen Missmut ge-
sorgt. Auf ihrem Anfang Februar in Suleima-
niya abgehaltenen Parteikongress hat die
PUK Geschlossenheit demonstriert. Es ist
freilich ein offenes Geheimnis, dass sich im
Dezember führende Kommandanten weiger-
ten, an den Kampfhandlungen teilzunehmen.
Für Unmut hat auch die Verhaftung von mut-
masslichen PKK-Sympathisanten gesorgt.
Obwohl die Festgenommenen inzwischen
wieder auf freien Fuss gesetzt wurden, hat
der Vorfall besonders in Intellektuellenkrei-
sen Bitternis hinterlassen.

     
Stellvertreterkrieg    
     
Gefangen im Netz der regionalen Machtinter-
essen, bleibt der PUK wenig Spielraum, ei-
nen Ausweg aus der Sackgasse zu finden.
Bereits macht das böse Wort vom Stellver-
treterkrieg die Runde, wonach PKK und PUK
sozusagen stellvertretend für die Türkei und
Iran künftig den Krieg um die Vormacht in der
Region ausfechten. Die PKK müsse ihre Nie-
derlage eingestehen und die Guerillaverbände
auflösen oder wieder in die Türkei verlegen,
verlangt der PUK-Chef Talabani. Doch dazu
scheint man in der PKK nicht gewillt zu sein.
Zwar kündigte Öcalans Bruder Osman, der
dem siebenköpfigen Führungsrat angehört,
im Herbst 1999 die Demobilisierung der be-
  waffnetenEinheiten an, aber dazu ist es nie
gekommen. Zum einen fand sich kein Land,
das bereit war, grösseren Kontingenten Asyl
zu gewähren. Zum anderen wurde der Plan
wohl auch von der PKK- Führung nur halb-
herzig verfolgt. Hochrangige Ex- Parteikader
werfen der Führung gar vor, den Plan nie
ernsthaft in Erwägung gezogen zu haben.
Vielmehr habe sie bereits auf dem 7. Partei-
kongress im Januar 2000 den Krieg gegen
die PUK beschlossen, um sich der Türkei als
Ordnungsfaktor für den Nordirak anzudienen -
ein Vorschlag, den Öcalan während seines
gegen ihn laufenden Gerichtsverfahrens unter-
breitet habe.

     
Bemühungen verschiedener Parteien und
Irans zur Vermittlung in dem Konflikt sind
bisher gescheitert. Gibt es überhaupt einen
Ausweg aus dem Dilemma? Nachdem die
Türkei bisher alle Angebote der PKK brüsk
zurückgewiesen hat, liegt der schwarze
Peter bei der PUK. Auf Dauer wird sie dem
türkischen Begehren kaum standhalten kön-
nen. So bleibt der PKK als einziger Ausweg
eine erneute Verlegung ihrer Guerilla - ent-
weder nach Iran oder in die von Saddam kon-
trollierten Gebiete des Iraks. Beide Länder
  werden freilich wenig Verlangen verspüren,
sich eine gut organisierte und trainierte Gue-
rillatruppe ins Nest setzen zu lassen. Hinzu
kommt, dass auch die PKK wenig Bereitschaft
zeigt, ihre Politik an den Bedürfnissen der ira-
kischen Kurden auszurichten. Anders als etwa
die iranisch-kurdische Demokratische Partei
oder die iranisch- kurdische Partei Komela,
die ihre Guerillaaktivitäten einstellten, um Iran
keinen Vorwand für militärische Strafaktionen
gegen den Nordirak zu liefern, ist die PKK nicht
zu einem solchen Schritt bereit.
     
Die Verlierer stehen fest    
     

Es scheint, als wäre der politische Dissens
zwischen der PKK-Führung und ihren Kriti-
kern, aber auch den irakisch-kurdischen Re-
gierungsparteien und der PKK gar nicht so
gross. Trotzdem wird der Ton der PKK ge-
genüber der PUK zusehends rauer. In einem
Interview mit dem kurdischen Sender Medya
TV kündigte unlängst Murat Karayilan, ein
Mitglied des PKK-Führungsrats, eine Aus-
weitung des Kriegs auf das gesamte von der
PUK kontrollierte Gebiet an, sollte es zu
neuen Auseinandersetzungen kommen. An-
gesichts dieser Drohung scheint ein neuer

  Krieg im Nordirak unausweichlich. Dabei ste-
hen die Verlierer schon heute fest. Es sind
Familien wie die von Rengin. Bereits einmal
hat die Familie ihren gesamten Besitz verloren
und musste fliehen, das war in den achtziger
Jahren, als hinter ihrem Haus in den Kandil-
bergen die Frontlinie zwischen der iranischen
und der irakischen Armee verlief. Doch dies-
mal ist es keine feindliche Armee, vor der sie
fliehen muss, sondern die kurdische Guerilla,
auf die Rengin bis vor kurzem noch grosse
Stücke gehalten hat.


* Die in München wohnhafte Autorin ist Ethnologin und freie Journalistin. Sie bereist regelmässig den Nordirak.