Jungle World
14.8.2002

Trainieren
für den Ernstfall

In der Autonomieregion bereiten sich die kurdischen Milizen auf einen möglichen Angriff vor, doch aufhalten könnten sie die irakischen Truppen nicht.

von sabine küper-basgöl

 

In der Mustersiedlung nahe Arbil wurden hüb-
sche Einfamilienhäuser in Reihenhausarchi-
tektur errichtet. Sie bieten neuen Wohnraum
  für 50 Familien, stehen aber seit mehreren
Monaten leer, denn es gibt weder Straßen
noch Kanalisation.
     
Die Ministerin für Bauwesen in der Regional-
regierung von Arbil, Nasreen Mustafa Sidek,
stapft durch den Staub. Sie ist eine promo-
vierte Bauingenieurin, und der Zustand dieser
Baustelle gefällt ihr gar nicht. Alles ist nur
  halb fertig, dabei gibt es einen großen Bedarf
an neuen Wohnungen. Ihr Ministerium ist da-
für verantwortlich, jährlich fast eine halbe Mil-
lion Flüchtlinge und Abgeschobene aus dem
Süden unterzubringen.
     
Missmutig mustert Sidek die unfertigen Tram-
pelpfade zwischen den Häusern und beklagt
sich über die Inkonsequenz der Uno. »Bis-
lang sind nur 2,8 Milliarden Dollar für uns aus-
gegeben worden«, klagt die Ministerin, »das
sind nur 38 Prozent des verfügbaren Geldes.
  Das ist zurzeit unser größtes Hindernis. Wir
haben so viele Projekte, und das Geld ist
auch vorhanden. Doch obwohl wir es dringend
brauchen, wird die Auszahlung durch die UN-
Kontrollen und den Bürokratieapparat in Bag-
dad blockiert.«
     
Tatsächlich müssen sämtliche Projekte erst
in Bagdad abgesegnet werden. Denn die Uno
sieht die Region völkerrechtlich als einen Teil
des Irak an, deswegen ist die Zentralregierung
zuständig. Im Oil-for-Food-Programm, das
1995 vom UN-Sicherheitsrat beschlossen wur-
  de, um die Versorgung der irakischen Bevöl-
kerung zu garantieren, sind 13 Prozent der
Einnahmen für die autonome Region Kurdi-
stan vorgesehen. Aber welche Güter dorthin
transportiert werden, bestimmt die irakische
Regierung.
     
Bagdad hat über den Nordirak ein Binnen-
embargo verhängt. Projekte, die eine Ent-
wicklung der Region fördern könnten, die
Energieversorgung etwa, aber auch der Bau
von Krankenhäusern, werden grundsätzlich
verlangsamt oder verhindert. Schon seit Jah-
  ren wird die Errichtung eines Spezialkranken-
hauses für die Opfer des Giftgasangriffes auf
Halabja im Jahre 1988 blockiert. »Natürlich
stimmt das Regime keinem Projekt zu, das
die Folgen seiner Gräueltaten erforschen
kann«, meint Nasreen Mustafa Sidek.
     
Die Autonomieregion unterliegt einem Dul-
dungsstatus, dessen Fortdauer niemand ga-
rantiert. Die kurdischen Parteien verhalten
sich derzeit daher zurückhaltend, wenn es
um die Pläne für einen US-amerikanischen
Militäreinsatz geht. Vor allem nach dem
zweiten Golfkrieg erlebte die Region den Ver-

  geltungsterror Bagdads. Suleymania war das
Zentrum des kurdischen Aufstandes, der mit
der Erstürmung des berüchtigten Gefängnis-
ses des irakischen Sicherheitsdienstes be-
gann. Nach der Niederschlagung der Rebel-
lion jagten irakische Hubschrauber die flie-
hende Bevölkerung.
     
Die daraufhin eingerichtete UN-Schutzzone
sollte aber nicht nur der Sicherheit der Bevöl-
kerung dienen. Sie wurde auch zum Zentrum
für die Aktivitäten der CIA, die im Sommer
1994 ein Haus auf einem Hügel in Salahuddin
mietete, unweit vom Anwesen des KDP-Vor-
sitzenden Massoud Barzani, mit Blick auf Ar-
  bil. Dort saß der Irakische Nationale Kon-
gress (INC), ein in London gebildeter Dach-
verband von Oppositionsgruppen, der sich
mit Unterstützung der kurdischen Parteien
vor allem darum bemühte, Offiziere der ira-
kischen Armee zum Überlaufen zu bewegen.

     
Im September 1996 aber machte sich Bag-
dad die andauernden Kämpfe zwischen der
Kurdischen Demokratischen Partei (KDP)
und der Patriotischen Union Kurdistans
(PUK) zunutze. Nachdem Massoud Barzani
den irakischen Diktator sogar zu Hilfe geru-
  fen hatte, überrollten irakische Panzer die
Region bis Arbil. Etwa 150 INC-Funktionäre
wurden an Ort und Stelle zusammen mit
den übergelaufenen irakischen Offizieren
exekutiert, 2 000 Menschen nach Kirkuk
verschleppt.
     

Die Kurden kämpfen seit 40 Jahren gegen
die Zentralregierung, ließen sich aber auch
immer wieder für die Interessen der regiona-
len Mächte instrumentalisieren. Die KDP
und die PUK wollen die Fehler der Vergan-
genheit nicht wiederholen. In Suleymania,
der Provinzhauptstadt im von der PUK kon-
trollierten südlichen Teil Kurdistans, betont

  der Ministerpräsident der Regionalregierung,
Behram Salih: »Wir sind keine Söldner, die
irakische Armee ist an allen unseren Gren-
zen präsent und niemand hat uns bislang
einen Plan vorgelegt, der uns wirklich erklärt,
was nach einem militärischen Schlag gegen
den Irak eigentlich passieren soll.«
     
Die Kurden verlangen eine zentrale Rolle in
einer künftigen Regierung in Bagdad, eine
föderative Lösung, die ihre Autonomie fest-
  schreibt, und eine Erweiterung ihres Gebie-
tes um Kirkuk samt der dortigen Ölfelder.
Doch das garantiert ihnen bislang niemand.
     
Im Hauptquartier der kurdischen Peshmerga-
Streitkräfte herrscht keine Kriegsbegeiste-
rung. Ein Sicherheitsoffizier führt zwar stolz
das Training der Spezialeinheiten vor, weist
aber auch darauf hin, dass sie noch dabei
sind, aus der ehemaligen Bergguerilla eine
Armee zu machen. Die Soldaten führen bei
40 Grad Hitze Nahkampfübungen vor. Mes-
  ser und eine Metallschlinge dienen vor allem
dazu, sich bei Spionageaktivitäten in der Nä-
he der irakischen Stellungen gegebenenfalls
gegen Spähtrupps der Gegenseite zu vertei-
digen. In Tarnkleidung kriechen die Soldaten
nachts durch das Gras bis sie den irakischen
Einheiten nahe sind.

     
»Zur Zeit verstärken sich die irakischen Trup-
pen technisch und personell«, erklärt der Si-
cherheitsoffizier. Jeder hier weiß, dass die
30 000 Peshmerga der PUK keine mit Pan-
zern anrückende Armee aufhalten können.
Die Ausrüstung beschränkt sich auf von den
Irakern in den neunziger Jahren erbeutetes
Equipment und von irakischen Offizieren ge-
schmuggelte Waffen. An einer einzigen mo-
  bilen Rakete üben die Rekruten abwech-
selnd. Im Ernstfall dürften sie die Gegen-
seite nicht beeindrucken. Alle hier hoffen,
dass die ersten Ziele eines US-Luftangriffs
die Truppen an der Grenze zur Autonomie-
region sind. »Wie betreiben keine Kriegsvor-
bereitungen, aber im Ernstfall werden wir un-
seren Boden verteidigen«, erklärt der Sicher-
heitsoffizier.
     
Unweit des Trainingsplatzes der Spezialein-
heiten übt das Frauenbataillon auf einer hü-
geligen Wiese den Ernstfall. Die Truppe
schleicht gebückt durch das kniehohe Gras,
die Frauen üben die Evakuierung. Die 23jäh-
rige Zolfan führt hier das Kommando. Im 500
Frauen starken Bataillon ist sie die einzige

  Absolventin der kurdischen Militärakadamie
und speziell dafür ausgebildet, die Kriegsfüh-
rung innerhalb der speziellen Topographie
Kurdistans zu trainieren. Die Frauen sollen
lernen, im Falle einer Besetzung der Region
die Zivilbevölkerung an den irakischen Stel-
lungen vorbei in die Berge zu evakuieren.
     
Zolfan spottet über einen Teil ihrer Truppe:
»Ihr seid so auffällig, dass selbst ein Schä-
fer aus der Ferne euch entdecken könnte.«
Die Frauen kichern, ducken sich aber brav
tiefer in das Gras. Das Frauenbataillon wur-
de 1997 nach dem traumatischen Erlebnis
des Einmarsches der irakischen Truppen ge-
gründet. Zolfan war damals 17 Jahre alt. Ge-
prägt von der Erfahrung des Schreckens und
  der Hilflosigkeitfasste sie den Entschluss,
diese Militärlaufbahn einzuschlagen. »Unse-
re Peshmerga haben sich die Freiheit, die
wir hier besitzen, hart erkämpft«, sagt die
junge Frau, nachdem sie in der Batallions-
baracke die Stiefel durch Sandalen ersetzt
und die Peshmerga-Kappe abgesetzt hat,
»wir werden sie uns nicht kampflos wieder
nehmen lassen.«
     
In der Region Halabja sind die Spuren der
Vergangenheit spürbarer als irgendwo sonst
in der Autonomieregion. Als die Bomben am
16. März 1988 über der Stadt abgeworfen
wurden, bemerkten die Menschen erst lang-
  sam einen süßlichen Geruch. Tausende rann-
ten später über die Felder, als sie merkten,
dass sie Gift einatmeten, doch das Gas war
schneller. 5 000 Menschen starben, 10 000
wurden verletzt.
     
Auch heute noch leiden die Überlebenden
physisch und psychisch, Medikamente sind
wegen des Binnenembargos knapp, Kran-
  kenhäuser gibt es kaum und die Versorgung
ist entsprechend unzureichend.

     
Dr. Fouad Baban, der Dekan der medizini-
schen Fakultät der Universität von Suleyma-
nia, beschäftigt sich seit 14 Jahren mit den
Folgen des Giftgasangriffs. Seine Stimme
zittert vor Zorn, als er nach den Folgen des
Angriffs gefragt wird. »Wissen Sie, vor drei
Jahren haben wir aus eigener Anstrengung
eine Untersuchung angestellt, um die Band-
breite des Giftgaseffektes zu messen. Die
Größe des betroffenen Gebietes und die
  Langzeitschädigungen übertrafen unsere Er-
wartungen bei weitem. Verschiedene Krebs-
arten, vor allem ein überprozentualer Anteil
von Leberkrebs, deuten darauf hin, dass viel-
leicht der biologische Kampfstoff Aflatoxin ein-
gesetzt worden ist. Aber Bodenuntersuchun-
gen oder andere Arten von Studien, die uns
weitere Auskünfte über die damalige Kata-
strophe geben könnten, wurden nie unter-
stützt.«
     
Baban überlebte drei Aufenthalte in iraki-
schen Gefängnissen, doch der 60jährige
sieht trotz seines Hasses auf das irakische
Regime die amerikanischen Angriffsabsich-
ten mit Skepsis: »Wir haben im Vergleich
zum Rest des Irak ein liberales System oh-
  ne täglichen Staatsterror. Wir können nicht
wissen, was nach Saddam Hussein kommen
wird, weder die Nachbarstaaten noch die USA
haben ein Interesse an einem demokratischen,
unabhängigen Irak.«