Der
kurdische Flüchtling und Dichter Hamze Sen unternahm am
Freitag letzter Woche einen Selbstmordversuch. Er übergoss sich
mit Benzin und floh aus dem Wohnheim in der Senkingstraße. Die
Heimleitung informierte die Polizei, und über eine Telefonkette wur-
den Freunde des Dichters alarmiert, die sich sofort auf die Suche
nach dem Kurden machten. Drei Kurden fanden Hamze Sen
schließlich unter der Eisenbahnbrücke in der Hannoverschen Stra-
ße, wo er sich mit noch mehr Benzin übergoss und mit einem Feu-
erzeug herumfuchtelte. Hamze Sen drohte, sich sofort anzuzünden,
wenn die Freunde ihm näher kommen würden. Erst nach etwa 10
Minuten gelang es ihnen, den Kurden zu überwältigen. Sie fessel-
ten den Dichter und brachten ihn zu einer Hausärztin, die sofort ei-
ne Einweisung in die Psychiatrie veranlasste.
Hamze
Sen sollte zusammen mit seiner Familie am nächsten
Dienstag abgeschoben werden. Dort droht dem Dichter eine po-
litische Verfolgung durch den türkischen Staat wegen "separati-
stischer Propaganda", da er sich in unzähligen Gedichten und
Texten in kurdischer Sprache für die Rechte der Kurden und in-
direkt auch für den "nationalen Befreiungskampf" der PKK unter-
stützt hatte. Der Dichter hätte nach unseren Informationen in der
Türkei eine mehrjährige Gefängnisstrafe zu erwarten und liefe
überdies Gefahr, gefoltert zu werden. Das Verwaltungsgericht
Hannover schlug jedoch alle vorliegenden Gutachten und Zeugen-
aussagen in den Wind und erklärte trotz der eindringlichen War-
nungen des Niedersächsischen Flüchtlingsrats die Abschiebung
für zulässig. Auch die vom Flüchtlingsrat daraufhin eingeschalte-
te Leitung des Bundesamts hat sich bislang geweigert, das Ver-
fahren von Amts wegen noch einmal aufzurollen.
In
seinem Abschiedsbrief an seine Familie schreibt Hamze Sen
u.a.: "Ich will nicht, dass ihr traurig seid, aber ich habe keinen
anderen Ausweg gesehen. Alle Türen sind vor meiner Nase ge-
schlossen worden. Ich kann das uns zugefügte Unrecht nicht
mehr aushalten. ... Statt in der Türkei möchte ich hier sterben.
Nachdem ich zum türkischen Konsulat gebracht worden bin,
kann ich nicht mehr schlafen. Ich kann nicht mehr klar denken.
Alles was ich sage hilft uns nicht mehr. Ich habe keine Hoffnung
mehr. Das heißt, mein Leben endet hier. ..."
Der
Niedersächsische Flüchtlingsrat appelliert vor diesem Hinter-
grund erneut an die zuständigen Behörden, den Fall des Hamze
Sen noch einmal zu prüfen und die Abschiebung auszusetzen.
Wir sind überzeugt, dass Hamze Sen in der Türkei Verfolgung
droht. Bis heute haben wir gemeinsam mit PRO ASYL bereits
40 Fälle von Flüchtlingen dokumentiert, denen in Deutschland
das Asylrecht verweigert worden war und die in der Türkei dann
doch verfolgt, inhaftiert oder misshandelt wurden. Daher fordern
wir, dass das Bundesamt die Kriterien der Asylentscheidungen
endlich kritisch überprüft und eine Neubewertung der Verfolgungs-
gefahr für von Abschiebung bedrohte KurdInnen vornimmt.
Förderverein
Niedersächsischer Flüchtlingsrat e. V., Hildesheim
16.9.2002)