junge Welt
29.11.2003

Von Fis nach Imrali

Vor 25 Jahren wurde die kurdische Arbeiterpartei PKK gegründet.

Ein Rückblick

Nick Brauns

 

Unter den Augen von Militärs versammelten
sich Anfang November rund tausend Men-
schen im kleinen Dorf Fis in der osttürkischen
Provinz Diyarbakir. Der Ort war vor Jahren wie
4000 andere von der türkischen Armee
zwangsgeräumt worden. Ehemalige Dorfbe-
wohner pflanzten jetzt Friedensbäume zwi-
  schen die zerstörten Häuser. Mit dieser sym-
bolischen Rückkehr an den Ort, wo vor 25
Jahren die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK)
gegründet wurde, drückten sie ihre Hoffnung
auf eine politische Lösung der kurdischen
Frage aus.

     
Die Geschichte der PKK ist eng mit der Per-
son ihres Vorsitzenden Abdullah "Apo" Öca-
lan verbunden. Der 1949 im Dorf Ömerli bei
Urfa als ältester Sohn einer armen Bauernfa-
milie geborene Öcalan begann 1971 ein Poli-
tologiestudium in Ankara. Zusammen mit an-
deren Revolutionären gründete er 1974 den
Demokratischen Hochschulverein. Wegen
Differenzen über die nationale Frage trennten
sich Öcalan und seine Freude bald von die-
sem in linkskemalistischer Tradition stehen-
den Verein. "Kurdistan ist eine Kolonie", er-
  klärten die Revolutionäre Kurdistans, wie sich
die Gruppe ab 1975 nannte. Sie kritisierten
die türkische Linke wegen ihrer vom Kemalis-
mus geprägten chauvinistischen Haltung und
erklärten den bewaffneten Kampf zur Haupt-
form des Widerstandes. In Kurdistan griffen
die "Apocular", wie die Anhänger "Apos" von
ihren Gegnern genannt wurden, in mehreren
Städten die faschistischen "Grauen Wölfe",
aber auch konkurrierende linke Organisatio-
nen an.

     
Im November 1978 trafen sich die Führungs-
kader der Revolutionäre Kurdistans im Dorf
Fis nahe der Stadt Lice, um die mittlerweile
ideologisch gefestigte Bewegung in eine Par-
tei umzuwandeln. Der 27. November gilt seit-
her als Gründungstag der Partiya Karkeren
Kurdistan (Arbeiterpartei Kurdistan). Abdullah
Öcalan wurde zum Generalsekretär gewählt.
Die Partei bezog sich auf den Marxismus-Le-
  ninismus und sah im lang andauernden Volks-
krieg eine Strategie zur nationalen Befreiung.
"So, wie die Revolution Vietnams unter der
Führung des Proletariats eine Schlüsselrolle
für die Revolution Indochinas gespielt hat, so
wird auch die Revolution Kurdistans ... für die
Volksrevolutionen des Mittleren Ostens eine
Schlüsselrolle spielen", hieß es im Manifest
der PKK.
     
In ihrer sozialen Zusammensetzung unter-
schied sich die PKK, deren Einfluß nach Ak-
tionen gegen feudale Großgrundbesitzer und
Kollaborateure im Gebiet Siverek rapide an-
wuchs, von fast allen kurdischen Parteien.
Während andere Organisationen bäuerlich
oder intellektuell geprägt waren, stützte sich
die PKK auf das ländliche und städtische
Subproletariat.
Dieser plebejische Charakter
  erklärt auch Erscheinungen und Verhaltens-
weisen, die in Europa auf Unverständnis und
Ablehnung stießen. Der extreme Personen-
kult um "Serok Apo" und eine quasireligiöse
Märtyrerverehrung ergänzten sich mit einer
hohen Bereitschaft zur Selbstaufopferung
und physischen Militanz, die sich auch ge-
gen Kritiker in den eigenen Reihen richtete.

     
Nach dem türkischen Militärputsch vom 12.
September 1980 wurden zahlreiche PKK-Mit-
glieder inhaftiert und ermordet. Im Militärge-
fängnis von Diyarbakir erhängte sich das ZK-
Mitglied Mazlum Dogan am Newroztag 1982,
  um nicht vor seinen Folterern zu kapitulieren.
Seitdem gilt er in Anlehnung an den kurdi-
schen Nationalmythos als "Schmied Kawa
unserer Tage".

     
Eigentlicher Beginn des militärischen Kam-
pfes der PKK ist der 15. August 1984. Bewaff-
nete Propagandaeinheiten unter ihrem legen-
dären Kommandanten "Agit" überfielen Mili-
tärstationen in den Kreisstädten Eruh und
Semdinli, und verkündeten die Gründung ei-
ner Guerilla zum Kampf gegen den "Kolonial-
faschismus". Den politischen Durchbruch für
die PKK brachte das Jahr 1990. Als Soldaten
während einer Trauerfeier für einen gefallenen
Guerillero ein Massaker unter der Zivilbevölke-
rung angerichtet hatten, brachen Aufstände
  aus. "Der Volksaufstand von Nusaybin ist eine
Wende, denn der nationale Befreiungskampf in
Kurdistan wird nicht mehr nur in den Bergen,
sondern mit den Bewohnern in den Städten ge-
führt", verkündete die PKK den Beginn einer
kurdischen Intifada. Die PKK wuchs zu einer
Massenbewegung an, die Angehörige einst-
mals miteinander verfeindeter Stämme eben-
so vereinigte wie die verschiedener Religionen
Kurdistans. Für viele Frauen bot die Teilnahme
am Befreiungskampf eine Alternative zu häus-
licher Unterdrückung und Zwangsehe.
     
Die türkische Konterguerilla reagierte mit
Dorfentvölkerungen, einem paramilitärischen
Dorfwächtersystem, Folter, Vergewaltigungen
und "Verschwindenlassen" von Oppositionel-
len. Dieser "Spezialkrieg" fand seine Ergän-
zung in Deutschland. Im November 1993 er-
ließ Bundesinnenminister Kanther ein bis
  heute bestehendes Betätigungsverbot für die
PKK, das Tausende Strafverfahren und Fest-
nahmen zur Folge hatte. Als Vorwand dien-
ten Brandanschläge auf türkische Einrichtun-
gen, mit denen Kurden gegen die Bombardie-
rung ihrer Städte protestierten.

     
Mitte der 90er Jahre kontrollierte die auf rund
15 000 Kämpferinnen und Kämpfer angewach-
sene Guerilla mehrere befreite Gebiete. Doch
die systematische Entvölkerung des ländli-
chen Rückzugsraums der Guerilla und der
Einsatz von Nachtsichtgeräten veränderte das
militärische Gleichgewicht wieder zugunsten
der Armee. Schließlich gelang dem türkischen
Staat der entscheidende politische Coup. Am
15. Februar 1999 konnte der türkische Ge-
heimdienst in Zusammenarbeit mit CIA und
  Mossad Öcalan nach einer Odyssee von Sy-
rien über Italien, Griechenland und Rußland
in der kenianischen Hauptstadt Nairobi kid-
nappen. Der PKK-Vorsitzende wurde zum
Tode verurteilt, das Urteil später mit Rück-
sicht auf die EU in lebenslange Haft umge-
wandelt. Als einziger Gefangener der Gefäng-
nisinsel Imrali im Marmarameer setzt sich
Öcalan seitdem für ein friedliches Zusammen-
leben von Kurden und Türken in einer "Demo-
kratischen Republik" ein.
     
Im Januar 2000 stellte die PKK den bewaffne-
ten Kampf ein. Zur Bekräftigung ihrer Wand-
lung in eine politische Bewegung benannte
sie sich 2002 in Kongreß für Freiheit und De-
mokratie Kurdistans (KADEK) um. War die
Forderung nach einem kurdischen Staat be-
reits 1993 zugunsten einer föderativen Lösung
fallengelassen worden, so forderte der KADEK
nun nur noch Minderheitenrechte für die kurdi-
sche Bevölkerung innerhalb der Türkei und ei-
ne Generalamnestie als Voraussetzung für ei-
  ne Waffenabgabe der Guerilla. Bis jetzt hat
der türkische Staat keinerlei positive Initiati-
ven ergriffen. Statt dessen kommt es immer
häufiger zu bewaffneten Auseinandersetzun-
gen in den kurdischen Landesteilen der Tür-
kei. Trotz mehrfacher Kooperationsangebote
des KADEK an die USA machte auch die
US-Besatzungsmacht deutlich, daß sie län-
gerfristig nicht bereit ist, die in den Nordirak
zurückgezogenen Guerillakräfte zu dulden.

     
In dieser Situation beschloß der KADEK vor
zwei Wochen seine Selbstauflösung, "um den
Weg für eine neue, demokratische Organisa-
tionsstruktur freizumachen, die eine breitere
Beteiligung erlaubt und eine friedliche Eini-
gung der Kurden mit den herrschenden Natio-
nalstaaten anstrebt. Durch die Kontinuität der
Führungskader wäre der KADEK als
bloße
  Fortsetzungder PKK wahrgenommen worden.
"Reste des leninistischen Parteimodells so-
wie traditionelle dogmatische Denkstrukturen
des Mittleren Ostens" hätten "eine eingeeng-
te und hierarchische Struktur" geschaffen,
"der das Einbeziehen neuer sozialer Grup-
pen und demokratischer Elemente nicht ge-
lang", wurde dieser Schritt begründet.
     
Daß heute Millionen Kurden in der Türkei und
der europäischen Diaspora selbstbewußt die
Anerkennung ihrer Identität und ihrer Rechte
einfordern, ist der bleibende Erfolg der PKK,
in dessen Nachfolge jetzt der Volkskongreß
von Kurdistan entstand. Zivilorganisationen
  wie die viele kurdische Kommunen regieren-
de Demokratische Volkspartei, Menschen-
rechts-, Frauen- und Kulturvereinigungen,
Presse und Satellitenfernsehen garantieren
heute, daß die Existenz des kurdischen Vol-
kes nicht mehr geleugnet werden kann.