taz
19.2.2003

Der Irakkonflikt:
Zur Vorgeschichte eines Krieges

Der Hundesohn.
Unser Hundesohn

Von ANDREAS ZUMACH

 

Selten zuvor ist ein Krieg so intensiv gewollt
und so langfristig und zielstrebig vorbereitet
worden wie der dritte Golfkrieg. Selten wurde
bereits in der Vorphase eines heißen Krieges
das Völkerrecht so häufig und skrupellos ge-
brochen und wurde die Weltöffentlichkeit so
intensiv - und leider weitgehend erfolgreich -
  manipuliert. Und selten wurde der Feind im
Vorfeld eines Krieges so wirkungsvoll und
nachhaltig dämonisiert wie Saddam Hussein,
wurde die internationale Mitverantwortung für
die Verbrechen des Feindes und für das Pro-
blem, das jetzt durch einen Krieg "gelöst"
werden soll, so tief verdrängt.
     
Die Dämonisierung und die Verdrängung be-
gannen bereits mit dem letzten Golfkrieg.
Präsident George Bush sen. verglich Sad-
dam Hussein mit Adolf Hitler. Auch der deut-
  sche Intellektuelle Hans Magnus Enzens-
berger malte den Diktator vom Tigris in ei-
nem Spiegel-Essay als "Hitlers Wieder-
gänger".
     
Richtig ist: Saddam Hussein ist ein blutrün-
stiger Diktator und verantwortlich für die fürch-
terlichsten Menschenrechtsverletzungen, die
unter internationalen Normen definiert sind.
Ob sein Regime nun das schlimmste auf Er-
den ist, wie in den letzten Monaten manche
behaupten, die auf Krieg drängen, oder eines
der schlimmsten, ist müßig und wahrschein-
lich auch kaum zu verifizieren. Entscheidend
ist: Saddam Husseins Charakter und seine
Gräueltaten waren nie ein Geheimnis. Seit
seinem Aufstieg zur Macht in Bagdad konnte
und musste jeder, der ihn politisch unterstütz-
te, mit ihm Geschäfte machte oder ihm Waf-
  fen verkaufte, genau wissen, mit wem er
zu tun hatte. Und besonders enge Kontak-
te und Beziehungen hatte Saddam Hus-
sein seit Mitte der 60er-Jahre zu Geheim-
dienstlern, Politikern, Diplomaten und Mili-
tärs aus den USA. Als sich Saddam Hus-
sein 1979 mit kräftiger Unterstützung der
CIA an die Spitze des Regimes geputscht
hatte, kabelte der Stationschef des Ge-
heimdienstes in der Bagdader US-Botschaft
diese Erfolgsmeldung an die CIA-Zentrale in
Langley, Virginia: "Ich weiß, Saddam Hus-
sein ist ein Hundesohn, aber er ist unser
Hundesohn."
     
Zbigniew Brzezinski, der bis heute in Wa-
shington sehr einflussreiche Sicherheitsbe-
rater von Präsident Jimmy Carter (1976-1980)
nahm die Formulierung vom "Hundesohn Hus-
sein" ausdrücklich auf, als er Carter nach
dem Sturz des Schahs im Iran durch schiiti-
sche Ajatollahs dringend die Annäherung an
Saddam Husseins Irak empfahl. Robert
  Gates, Direktor des Geheimdienstes CIA
ab 1991, erklärte nach seiner Pensionie-
rung in einem Fernsehinterview, Washing-
ton habe "nie irgendwelche Illusionen über
Saddam Hussein gehabt". Der Mann sei
"kein Demokrat, kein Agrarreformer, son-
dern ein ganz gemeiner Verbrecher".

     
Gates muss es wissen. Als CIA-Agent und
Protegé seines Vorgängers auf dem Direkto-
renstuhl, William Casey, sorgte Gates in den
frühen 80er- Jahren dafür, dass Saddam Hus-
sein die Technologie zur Herstellung der ge-
fürchteten Streubomben erhielt. Im ersten
Golfkrieg (1980-1988) setzten Saddams Ge-
neräle diese Streubomben dann gegen die
  zahlenmäßig überlegenen iranischen Trup-
pen ein - mit verheerender Wirkung. Detail-
lierte Berichte über die schweren Men-
schenrechtsverletzungen unter dem Regime
von Saddam Hussein werden von amnesty
international (ai) seit Anfang der 80er-Jahre
veröffentlicht.

     
Doch damals stieß amnesty international mit
diesen Berichten bei den Regierungen, die
heute auch die Menschenrechtsverletzungen
als Begründung für einen Krieg gegen Irak an-
führen, auf völlig taube Ohren. Als die briti-
sche Regierung Saddam Hussein in einem
Anfang Dezember 2002 veröffentlichten Be-
richt "systematischen Terror" gegen das ira-
kische Volk vorwarf, kritisierte amnesty inter-
national den Zeitpunkt der Veröffentlichung
  und hielt der Regierung Blair vor, das The-
ma
Menschenrechte zur Propaganda für
einen Krieg gegen Irak zu missbrauchen.
"Diese selektive Aufmerksamkeit für Men-
schenrechtsverstöße im Irak ist nichts
weiter als eine kalte und kalkulierte Mani-
pulation der Arbeit von Menschenrechts-
aktivisten", erklärte die Generalsekretärin
der Londoner ai-Zentrale, Irene Khan.

     
In den 80er-Jahren war Saddam Hussein eng-
ster Verbündeter des Westens wie der Sow-
jetunion im Mittleren Osten. Kritik an seinen
schweren Menschenrechtsverletzungen hätte
dieses Bündnis nur gestört. Für seinen Krieg
gegen den Iran nach der islamischen Revolu-
tion von 1979 erhielt Saddam Hussein aus
West und Ost all die Waffen und Raketen so-
wie die Grundstoffe, Bauteile, das Know-how
und die Produktionskapazitäten für die Mas-
senvernichtungswaffen, deren angeblich fort-
gesetzte Existenz im Irak oder erneute Be-
schaffung und Entwicklung seit dem Abzug
der UNO- Inspekteure im Dezember 1998 heu-
te als Hauptbegründung für einen dritten Golf-
  krieg dienen. Die meisten Firmen und Waf-
fen
labors, die Saddam Husseins
Aufrü-
stungsprogramm ab Ende der 70er-Jahre
zulieferten, sind in Deutschland (West) und
in den USA zu Hause. Die Mehrzahl dieser
Lieferungen verstieß gegen internationale
Rüstungskontrollabkommen oder gegen na-
tionale Exportverbote. Dennoch erfolgten sie
häufig mit Wissen, Duldung oder gar mit
offiziellen Lizenzen und unter aktiver Förde-
rung der Administrationen Reagan und
Bush sen. in Washington; auch deutsche
Regierungsstellen unter den Bundeskanz-
lern Helmut Schmidt und Helmut Kohl wa-
ren in viele Vorgänge dieser Art eingeweiht.
     
Die umfangreichen Zulieferungen deutscher
Unternehmen zum Chemiewaffenprogramm
Saddam Husseins wurden auch nach dem
Giftgasmassaker der irakischen Luftwaffe an
6800 Kurden in Halabscha im März 1988, das
ein Akt des Völkermordes war, von den Unter-
nehmen nicht beendet und von der Bundesre-
gierung nicht unterbunden. "Ein paar tote Ira-
ker interessieren unsere Aktionäre nicht", er-
klärte nach dem Völkermord von Halabscha
der Geschäftsführer der deutschen Firma mit
dem seinerzeit größten Lieferumfang für das
irakische C-Waffenprogramm. Um ihren Ver-
bündeten Saddam Hussein vor internationaler
Kritik zu schützen, wies die US-Regierung ih-
re Diplomaten damals an, zu verbreiten, Iran
  sei für das Massaker von Halabscha verant-
wortlich. Der
heutige US-Verteidigungsmini-
ster Donald Rumsfeld weilte als Sonderbe-
auftragter von Präsident Reagan für den
Mittleren Osten in der ersten Hälfte der 80-
er-Jahre mehrfach zur Vereinbarung von Rü-
stungsgeschäften bei Saddam Hussein in
Bagdad. George Bush sen. war bereits als
CIA-Chef Mitte der 70er-Jahre und später
als Vize von Präsident Ronald Reagan
(1980-1988) aktiv in die US-amerikanischen
Bemühungen zur Aufrüstung des Regimes
in Bagdad involviert. Die Satelliten-Zieldaten
für den Einsatz chemischer Waffen gegen
iranische Truppen erhielt Saddam Hussein
vom Pentagon.
     
All diese hässlichen Tatsachen sind bestens
dokumentiert. In den Reports der UNO-Waf-
feninspekteure (Unscom), die den Irak zwi-
schen 1991 und 1998 durchsuchten; in Akten
des amerikanischen Kongresses und in dem
Waffenbericht, den die irakische Regierung
Anfang Dezember 2002 dem UNO-Sicher-
heitsrat übergab. Die Teile des Berichtes mit
den Informationen über ausländische Zuliefe-
rungen zu Saddam Husseins Rüstungspro-
  gramm liegen allerdings nur den fünf stän-
digen Mitgliedern des Sicherheitsrates vor
(sowie inzwischen auch der taz - d. Red.).
Auch die Unscom-Reports sind weiterhin
unter Verschluss. Darauf bestehen nicht
nur die fünf ständigen Ratsmitglieder, son-
dern auch Deutschland und einige weitere
UNO-Staaten, deren Firmen in den Reports
eine prominente Rolle spielen.

     
Bis heute wurde das dunkle Kapitel der engen
Kooperation mit dem Diktator Saddam Hus-
sein weitgehend verdrängt. In den USA noch
mehr als in Deutschland. Die Aufarbeitung
der politischen Verantwortung für die auslän-
dische Beihilfe zu Saddam Husseins Aufrü-
stung mit Massenvernichtungswaffen und zu
den von seinem Regime verübten Kriegsver-
brechen, Völkermord und Verbrechen gegen
die Menschheit ist bis heute noch nicht ein-
mal versucht worden. Die Dämonisierung
  Saddam Husseins als Wiedergänger Hit-
lers Anfang 1991 erleichterte die Verdrän-
gung. Auch die Verdrängung der bis heute
völlig unaufgeklärten Kriegsverbrechen der
US-amerikanischen Streitkräfte im letzten
Golfkrieg, darunter das Massaker an mut-
maßlich mehreren zehntausend auf dem
Rückzug befindlichen irakischen Soldaten
entlang der Wüstenstraße zwischen Basra
und Bagdad.

     
Die Dämonisierung des Diktators Saddam
Hussein hat im Laufe der letzten zwölf Jahre
auf das ganze Land übergegriffen. "Der Irak"
ist zum Feindbild geworden. Am meisten da-
von betroffen ist die Zivilbevölkerung. Es gibt
in der Welt kaum irgendwo Empathie für die
23 Millionen Iraker. Nur so ist erklärbar, dass
die verheerenden Folgen, die die umfassen-
den Wirtschaftssanktionen der UNO für die
Menschen in dem auch immer noch von den
Zerstörungen des letzten Golfkrieges betroffe-
nen Land haben, immer noch auf ein so ge-
ringes Interesse stoßen. Dasselbe gilt für die
entsetzlichen Auswirkungen des Einsatzes
  von Munition mit abgereichertem Uran im
letzten Golfkrieg, den die US- Streitkräfte
ausdrücklich auch für den nächsten Krieg
einplanen. Wie, wenn nicht mit mangelnder
Empathie für die Menschen im Irak, ist es
sonst erklärbar, dass die Erklärung aus
dem Mund der ehemaligen US- Außenmi-
nisterin Madeleine Albright, die Notwendig-
keit einer Aufrechterhaltung der UNO-Sank-
tionen rechtfertige auch den Tod von über
einer halben Million irakischer Kleinkinder,
nicht weltweit auf einen Aufschrei der Em-
pörung gestoßen ist und keinerlei politi-
sche Konsequenzen für Albright hatte?
     
Die Wirkung der Dämonisierung Saddam Hus-
seins auf das Bewusstsein der internationalen
Gemeinschaft war stärker. Und zugleich waren
die Sanktionen das wirksamste Mittel, um das
Regime von Saddam Hussein unter Kontrolle
und gleichzeitig an der Macht zu halten. Ins-
besondere für die USA hat ein Saddam Hus-
sein, der in Bagdad an der Macht ist, in den
letzten zwölf Jahren eine wichtige Funktion er-
füllt. Unter Verweis auf die angeblich von sei-
nem Regime ausgehende Bedrohung konnten
  die USAseit 1991 Waffen im Wert von
über 100 Milliarden US-Dollar an Israel,
Saudi-Arabien und andere Staaten der Re-
gion verkaufen. Und auch in der innenpoli-
tischen Debatte Amerikas war der Verweis
auf den Schurkenstaat Irak nach dem En-
de des Kalten Krieges und dem Zusam-
menbruch der Sowjetunion eines der wich-
tigsten Argumente der Befürworter einer
fortgesetzten Atombewaffnung und Rü-
stung.
     
Doch jetzt hat Saddam Hitler seine Schuldig-
keit getan. Die politischen Rahmenbedingun-
gen für den fortgesetzten Einfluss und die
Kontrolle der USA über den Mittleren Osten
und seine reichen Ölvorkommen haben sich
verändert. Nicht erst seit dem 11. September
2001. Bei den aus Washingtoner Sicht not-
wendigen Neuordnungen in der Region steht
der Diktator von Bagdad im Weg. Richard
Perle, Vize-Verteidigungsminister unter Prä-
sident Ronald Reagan in den 80er-Jahren und
  heute als Vorsitzender des wichtigsten Be-
ratungsgremiums für das Pentagon einer
der einflussreichsten Männer in Washington,
hat dies schon im Jahre 1996 klar formuliert.
In einem Beratungspapier für den damals
gerade gewählten israelischen Premiermini-
ster Benjamin Netanjahu plädierte Perle für
einen "klaren Bruch" ("a clean break") mit
der damaligen Nahostpolitik und für eine
"neue Strategie zur Erhaltung der Vorherr-
schaft " der USA und Israels in der Region.
     
Punkt eins des Beratungspapiers: Israel sol-
le den Oslo-Friedensprozess mit den Palästi-
nensern beenden, sich nicht mehr auf ähnli-
che Verhandlungen einlassen und seine Inter-
essen gegenüber den Palästinensern wie den
arabischen Staaten kompromisslos durchset-
zen. Punkt zwei: Ausgehend von der Analyse,
dass die innenpolitischen Konflikte in Saudi-
Arabien früher oder späterzu einer ähnlichen
Explosion führen könnten wie 1979 im Iran,
dringt Perle darauf, dass die USA ihren geo-
politischen Verbündeten und verlässlichen Öl-
Lieferanten Saudi-Arabien rechtzeitig durch
den Irak ersetzen. Dem dafür erforderlichen
Sturz nicht nur Saddam Husseins, sondern
  des gesamten Regimes der Baath-Partei
im Irak werde - so Perles Prognose - als
Domino-Effekt über kurz oder lang der Kol-
laps des Baath-Regimes in Syrien folgen.
Damit gerate dann auch der Libanon end-
lich wieder unter die volle Kontrolle Israels
und damit der USA. Zum Schluss seines
Beratungspapiers aus dem Jahr 1996, das
sich wie eine Blaupause für die seitdem
eingetretene Entwicklung in der Region
liest, plädiert Perle dafür, dass die USA für
das 21. Jahrhundert im Mittleren Osten ei-
ne "strategische Achse formen mit den bei-
den einzigen Demokratien der Region, Is-
rael und der Türkei".
     
1997 wurde in Washington die "Projektgrup-
pe für ein neues Amerika" aus der Taufe ge-
hoben. Gründungsmitglieder waren neben Ri-
chard Perle zehn Männer, die inzwischen
hochrangige Posten in der Bush-Administra-
tion besetzen: darunter Vizepräsident Dick
Cheney, Verteidigungsminister Donald Rums-
feld und sein Vize Paul Wolfowitz, der stell-
vertretende Außenminister Richard Armitage,

der für Rüstungskontrolle zuständige Staats-
  sekretär im State Department, John Bolton,
sowie der Sonderbeauftragte des Weißen
Hauses für die Beziehungen zur irakischen
Opposition, Zalmay M. Khalilzad. Eine der
ersten Initiativen der Gruppe war Anfang
1998 ein Brief an den damaligen Präsiden-
ten Bill Clinton mit der Forderung, die Re-
gierung in Washington solle "damit begin-
nen, eine Strategie zur Beseitigung von
Saddams Regime umzusetzen".
     
Seit sie im Januar 2001 selber in wichtige Re-
gierungsämter beziehungsweise auf einfluss-
reiche Beraterposten gekommen waren, trie-
ben die Mitglieder der "Projektgruppe für ein
neues Amerika" das Ziel des "Regimewech-
sels" inBagdad konsequent voran. Die Terror-
anschläge vom 11. September 2001 schufen
die Möglichkeit, die Beseitigung des Regimes
in Bagdad als einen notwendigen Teil des
Krieges gegen den Terrorismus darzustellen.
Wesentlich unter dem Einfluss von Cheney
und Rumsfeld fügte Präsident Bush seinem
(erst Mitte Januar 2002 bekannt gewordenen)
  geheimen Exekutivbefehl vom 17. Septem-
ber 2001, mit dem er den Kommandeuren
der US-Streitkräfte die Vorbereitung des
Krieges gegen das Al-Qaida-Netzwerk und
das Taliban- Regime in Afghanistan befahl,
einen zweiten Absatz zu. In diesem Absatz
gab Bush den Kommandeuren die Order,
Szenarien für einen Krieg gegen Irak auszu-
arbeiten. Bereits in den folgenden Tagen
fanden im Pentagon unter Teilnahme von
Minister Rumsfeld intensive Diskussionen
statt über das Vorhaben, Saddam Hussein
zu stürzen.

ANDREAS ZUMACH ist Diplomatischer Korrespondent der taz bei der UNO in Genf und verfolgt die Entwicklung des Völkerrechts und der internationalen Organisationen seit mehr als 15 Jahren. Der leicht gekürzte Text stammt aus dem morgen erscheinenden Buch von Andreas Zumach und Hans von Sponeck: "Chronik eines angekündigten Krieges - wie die Weltöffentlichkeit manipuliert und das Völkerrecht gebrochen wurde", Kiepenheuer & Witsch, Köln Februar 2003.