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Dicle Nachrichtenagentur, DIHA
22.7.2003

Osman Öcalan:

Konflikt zwischen USA und
Kurden unwahrscheinlich

 

Frankfurt - Als Mitglied des KADEK-Präsidi-
alrates hat Osman Öcalan sich zu den Ver-
lautbarungen des US-Botschafters in der Tür-
kei, Robert Pearson, geäußert. Ein kurdisch-
amerikanischer Konflikt sei unwahrscheinlich,
  so erklärte Öcalan. Mit seinen jüngsten Äu-
ßerungen habe Pearson sowohl sein eige-
nes Land als auch die Türkei in eine schwie-
rige Lage gebracht.

     

Person hatte nach dem Besuch us-amerika-
nischer Offiziere vergangene Woche in Anka-
ra erklärt, der KADEK müsse sich aus dem
Nordirak zurückziehen, ansonsten würde er
mit militärischen Mitteln dazu gezwungen
werden. Pearsons Zeit als Botschafter ist je-
doch abgelaufen, für morgen wird seine Rück-
kehr in die USA erwartet. Gegenüber der
Nachrichtenagentur MHA erklärte Osman
Öcalan: "Der US-Botschafter in der Türkei,
Robert Pearson, hat vor und nach dem Krieg

  eine erfolglose Politik verfolgt. Es ist ihm
nicht gelungen, die Türkei als Verbündete
der USA in die Interventionsphase einzubin-
den. Pearson ist ein Diplomat, der sowohl
die Türkei als auch die USA getäuscht hat.
Er ist zu einem großen Teil dafür mit verant-
wortlich, dass die Türkei im Krieg nicht ge-
meinsam mit den USA gehandelt hat. Er hat
die Türkei getäuscht und das Land in eine Si-
tuation gebracht, in der diese auf Täuschun-
gen aufbauende Politik weiter verfolgt wird."
     
Weiter erklärte Öcalan, die US-Regierung
überprüfe nach dem Krieg die Kräfte in der Re-
gion und sei darum bemüht, festzulegen, wer
welche Positionen vertrete. Obwohl die Türkei
dazu aufgefordert worden sei, ihre Haltung zu
ändern, habe sie ihre Position nicht eindeutig
festlegen können. "Und das ist auch ein Grund
für die Krise in Suleymania." Bei den Erwartun-
  gen der USA an die Türkei handele es sich
um folgende: "Wie wird die Haltung der Tür-
kei in der Lösung der kurdischen Frage
sein? Wird sie ihre Beziehungen zum Iran
und zu Syrien abbrechen? Außerdem drän-
gen die USA die Türkei dazu, im Neuaufbau
des Irak eine positive Haltung anzunehmen."

     
Die Türkei habe jedoch Schwierigkeiten, sich
festzulegen. Genau zu diesem Zeitpunkt set-
ze Pearson seine täuschenden Manöver fort:
"Er treibt die Türkei dazu, ihre falsche Politik
fortzusetzen. Indem er von einem möglichen
Konflikt zwischen den USA und den Kurden
spricht, verhindert er positive Schritte der Tür-
kei auf eine Lösung zu. Pearson wird als er-
folgloser Diplomat in die Geschichte eingehen.
Er arbeitet nicht auf eine Lösung hin, sondern
versucht die Ausweglosigkeit zu vertiefen und
dient damit weder dem Land, das er repräsen-
tiert, noch einer Lösung der Probleme der Tür-
  kei und des kurdischen Volkes. Die Inter-
views, die er jetzt gegeben hat, entsprechen
ein bisschen dem, was die Interviewer hören
wollten. Wir gehen nicht davon aus, dass die
USA sich den Worten Pearsons entspre-
chend verhalten werden. Die USA werden ei-
nen kurdischen-amerikanischen Konflikt nicht
ins Auge fassen. Die US-Politik ist auf eine
Lösung in der Region ausgerichtet und die
Lösung der kurdischen Frage nimmt dabei
eine wichtige Stellung ein. Wir halten es für
unwahrscheinlich, dass zwischen Kurden und
den USA ein gewalttätiger Konflikt ausbricht."
     
Anders als in den beiden vorhergegangenen
Jahrhunderten müssten die USA im 21.Jahr-
hundert auf eine Lösung hinarbeiten. "Die
USA sind dazu gezwungen, eine Lösung an-
zustreben. Die bestehenden Regime und
rückständigen Strukturen im Mittleren Osten
werden überwunden werden. Deshalb sind
Bündnisse, die jetzt mit den bekannten
Kräften eingegangen werden, vorübergehend.
Ich denke nicht, dass Bündnisse mit KDP,
  PUK, der Türkei und ähnlichen Kräften über
Jahre hinweg halten werden. Es sind Bünd-
nisse, die für ein paar Monate ihre Funktion
erfüllen." Washington könne wohl aufgrund
der momentanen Schwierigkeiten, die durch
den Widerstand der Saddam verbundenen
Kräfte entstanden sind, vorübergehend Be-
darf nach Unterstützung durch die KDP oder
die Türkei verspüren, aber dieser könne nie-
mals die US-Politik bestimmen.
     
"Aufgrund von Eigeninteressen sind die USA
dazu gezwungen, einer Demokratisierung im
Mittleren Osten zuzustimmen. Dementspre-
chend müssen sie nicht nur eine Teil-Lösung,
sondern eine Gesamtlösung der kurdischen
Frage produzieren. Ausweglosigkeit stellt ei-
ne Situation dar, die für die USA zur Zeit
nicht tragbar ist. Deshalb führen die Besuche
der US-Generale in Ankara vielleicht zu einem
vorübergehenden Bündnis, das aber nicht von
  Dauer sein wird. Diese Übergangssituation
wird innerhalb von vielleicht drei bis vier Mo-
naten überwunden werden. Es ist anzuneh-
men, dass das der Inhalt der Besuche war.
Innerhalb kurzer Zeit wird offensichtlich wer-
den, dass es sich dabei nicht um etwas kon-
tinuierliches handelt. Die USA sind dazu ge-
zwungen, bleibende Bündnisse mit Kräften
einzugehen, die für eine demokratische Ver-
änderung eintreten."
     
In bezug auf die Position der Türkei im Nord-
irak erklärte Öcalan: "Die Existenz der Tür-
kei im Nordirak wurde zwischen 1999 und
2003 toleriert, weil zu dem Zeitpunkt eine Lö-
sung nicht weiter thematisiert wurde. Die Tür-
kei hat sich darauf gestützt und es darauf an-
gelegt, den kurdischen Befreiungskampf zu
unterdrücken. Aber jetzt sind wir an einem
Punkt angekommen, wo diese Phase vorbei
ist. Eine Politik, die sich auf Sicherheit
stützt, hat ihre Gültigkeit verloren. Heute hat
eine Politik Einfluss, die auf eine Lösung aus-
gerichtet ist. Die Türkei hat weder für Süd-
noch für Nordkurdistan eine Lösung parat. Sie
  will ihre alte Politik fortsetzen und versucht
deshalb mit allen Mitteln, der Befreiung un-
seres Volkes in Südkurdistan Grenzen zu
setzen. Das politische und militärische Vor-
gehen der Türkei ist äußerst provokativ. Die-
se Provokationen sollten mit der Operation
in Suleymania unterbunden werden. Wenn
die Türkei so weitermacht, wird sie unwei-
gerlich mit noch härteren Sanktionen belegt
werden. Vielleicht wird ein paar Monate lang
Toleranz geübt, aber danach werden die Kon-
sequenzen hart sein. Die Entwicklungen las-
sen sich nur so deuten."