taz
18.10.2003

 

Ein Haus für 16 Frauen

aus Bagdad INGA ROGG

 

 

Die Banditen kamen mit Kalaschnikows. Sie
kreuzten vor ein paar Wochen vor der Woh-
nung von Suad Hizamettin auf und verlangten
von ihr, die Wohnung zu räumen. Als sie der
Forderung nicht sofort nachkam, fingen sie an,
das Mobiliar auf die Straße zu werfen. Suad
  packte das Nötigste und ging. Die Mutter von
vier Kindern glaubt, dass der Vermieter hinter
dem Überfall steckt. Dieser forderte seit zwei
Monaten die doppelte Miete von ihr und hatte
sie schon mehrfach zum Auszug aufgefordert.
Doch wo sollte sie hin?
     
Die Drohung gegen Suad Hizamettin ist kein
Einzelfall. Seit Kriegsende sind die Miet- und
Immobilienpreise in der irakischen Hauptstadt
regelrecht explodiert. Der Grund dafür sind,
so erzählt man sich in Bagdad, die Bankräu-
  ber, die in den ersten Nachkriegstagen Milli-
onen US-Dollar aus den staatlichen Banken
stahlen. Denn sie wollen das Geld nun in Im-
mobilien anlegen, und dies treibt die Preise.

     
Auf Unterstützung durch ihren Mann konnte
Suad nicht hoffen. Dieser hatte kurz vor dem
Krieg eine Zweitfrau geheiratet und die Fami-
lie sitzen lassen. Also ging sie zu den US-
amerikanischen Besatzungsbehörden und bat
sie, ihr zu helfen, die Wohnung zurückzube-
  kommen.Doch die winkten nur ab. Das sei
ein Fall für die irakische Gerichtsbarkeit,
sagte ein Armeesprecher gegenüber der taz.
Doch nur ein Teil der Gerichte in der Haupt-
stadt hat bislang die Arbeit wieder aufgenom-
men.
     
Betten gibt es nicht    
     
So fand Suad Hizamettin bei Bekannten Un-
terschlupf. Aber das war von Anfang an nur
eine Notlösung, angesichts des akuten Strom-
  und Wassermangels will man niemandem
länger als nötig zur Last fallen.

     
Durch einen Zufall hörte sie von dem Frauen-
haus in Adhamiya im Norden der Stadt. 16
Frauen mit ihren Kindern, zehn Waisenkinder
und vier ausgesetzte Säuglinge teilen sich die
wenigen Räume in dem heruntergekommenen
Gebäude am Tigris, das früher vom Geheim-
dienst genutzt wurde. Schränke und Betten
  gibt es nicht. Jede hat ihre Sachen in Ta-
schen und Tüten verstaut und sich eine der
typischen Baumwollmatratzen besorgt. Kü-
che, Bad und Toilette müssen sich die Frau-
en teilen. Um sich ein wenig Privatsphäre zu
sichern, haben sie mit Wolldecken notdürftig
die Türöffnungen verhängt.
     
"Nationaler irakischer Menschenrechtsverein"
kündigt das Schild an der Eingangstür an.
Dass hier Frauen Schutz finden, soll auf den
ersten Blick nicht zu erkennen sein, sagt Ha-
na Nejim, eine Vertreterin des Vereins. Des-
halb sei im Eingangsbereich auch das Büro
der Menschenrechtsorganisation unterge-
  bracht. Die Angst vor Übergriffen ist groß.
Ein Ort, an dem mehrere Frauen leben, ste-
he schnell im Ruf, die Prostitution zu fördern,
sagt Nejim. Zudem fürchte man Angehörige,
die den Frauen nachstellen, weil sie aus de-
ren Sicht mit der Flucht ins Frauenhaus die
Familienehre beschmutzt haben.
     
Fast alle Frauen hier sind obdachlos. Auch
Hana Nejim selbst hat ihre Wohnung verloren.
Vor dem Krieg arbeitete sie in einem Büro und
verdiente ganz gut. Dann verkaufte der Firmen-
besitzer das Unternehmen, sie wurde arbeits-
los und konnte die Miete nicht mehr zahlen.
Seit Jahren geschieden, muss sie allein schau-
  en, wie sie über die Runde kommt. Heute ar-
beitet siefür den Menschenrechtsverein und
hilft den anderen Frauen bei Behördengän-
gen, so gut es geht. Da ihr der Verein nur
ein spärliches Gehalt zahlen kann, bleibe
ihr keine andere Wahl, als ebenfalls in dem
schäbigen Haus zu wohnen, sagt sie.
     
Auch ihre Mitbewohnerin Sabah Salem kann
sich kaum noch erinnern, wann sie das letz-
te Mal frei von Sorgen war. Vor vier Jahren
landete ihr Ehemann im Gefängnis, weil sich
der Journalist, der bei der Tageszeitung des
  Informationsministeriums arbeitete, den
Mund nicht verbieten lassen wollte. Kurz da-
rauf wurde ihr Bruder in einem Familienstreit
erschossen. Dann kam der Krieg.

     
Ihr Haus, das direkt neben der Fernmeldezen-
trale von Adhamiya stand, wurde von einer
amerikanischen Bombe getroffen. Aussicht
auf Entschädigung hat sie nicht. Das sei ein
  Schaden infolge der Kriegshandlungen, sag-
te ein Armeesprecher. Dafür werde keine
Wiedergutmachung gezahlt.

     
Die Kurdinnen als Vorbild    
     

Nach dem Krieg kam der Mann von Sabah
Salem nach vier Jahren Haft endlich frei. Jah-
relang hatte sie vergeblich nach ihm gesucht,
doch der Mann, der ihr nun entgegentrat, war
nicht der gleiche, den sie vor 13 Jahren ge-
heiratet hatte. Von der Folter gezeichnet, war
er psychisch gebrochenen worden. Die Ehe
hielt der Belastung nicht stand, und die 40-
  Jährige ging. Zu ihren eigenen Angehörigen
konnte sie nicht, sagt Salem mit rauchiger
Stimme. Diese würden niemals akzeptieren,
dass sie ihren Ehemann verlassen hat. Also
blieb ihr, der Pianistin, die aus einer gut si-
tuierten, alt eingesessenen Bagdader Fami-
lie stammt, nur der Weg ins Frauenhaus.

     
Das Frauenhaus ist nicht das erste im Irak,
aber in Bagdad. In den kurdischen Städten
Arbil und Suleimaniya haben Frauenorgani-
sationen bereits mehrere Schutzhäuser ge-
gründet. Und sie haben eine Änderung der
  irakischen Rechtssprechung erreicht, die
Männern bisher bei der Ermordung von weib-
lichen Verwandten wegen "Beschmutzung
der Familienehre" Strafnachlass oder sogar
Straffreiheit gewährte.
     
Auf eine Signalwirkung des kurdischen Vor-
bilds hofft nun der Menschenrechtsverein. "In
diesem Fall müssen wir von den Kurden ler-
nen", sagt Hana Nejim. Demnächst will sie
das erste Mal in ihrem Leben nach Kurdistan
reisen, um sich die Einrichtungen dort anzu-
sehen und über eine Kooperation zu verhan-
deln. Denn oft ist die Unterbringung an einem
  Ort weit weg von der Familie die einzige Garan-
tie für Frauen, der Bedrohung durch ihre männ-
lichen Angehörigen zu entgehen. "Unter dem
Regime verschwanden Frauen spurlos, ohne
dass jemand etwas dagegen tun konnte",
sagt die Menschenrechtlerin. Mindestens 500
Frauen seien innerhalb der letzten zwei Jahre
im Zentralirak entführt oder ermordet worden.
     
Obwohl auch sie die prekäre Sicherheitslage
in Bagdad beklagt, widerspricht sie der Dar-
stellung internationaler Menschenrechtsorga-
nisationen, dass sich die Lage für Frauen seit
dem Krieg dramatisch verschlechtert habe.
"Früher konnten wir nur nicht öffentlich darüber
 

reden und uns dagegen zur Wehr setzen." Die
Frauen seien einfach verschwunden, und oft
seien es die Regimevertreter und allen voran
Udai Saddam gewesen, die hinter den unge-
klärten Morden standen. "Gegen sie waren wir
machtlos."