taz:
Herr Uras, die Türkei steht kurz vor einem Einmarsch im Nordirak.
Sie sitzen als unabhängiger Abgeordneter im türkischen Parlament.
Wie bewerten Sie die Haltung der türkischen Regierung: Will sie
den Einmarsch? Oder wird sie dazu getrieben?
Ufuk
Uras: Die Regierung steht unter einem enormen Druck der Öffentlichkeit
und des Militärs. Ministerpräsident Erdogan und die AKP-Führung
kontrollieren die Situation aber sehr cool. Die Regierung steuert auf
eine eingeschränkte Militäroperation zu, und ihre Partei steht
geschlossen dahinter. Und selbst wenn die AKP-Abgeordneten aus dem kurdischen
Südosten
eigentlich dagegen sind - im Parlament haben sie sich bislang nicht bemerkbar
gemacht.
Verfolgt
die Regierung denn die gleichen Ziele wie das türkische Militär?
Nun, das eigentliche Ziel ist noch gar nicht klar und wird in den
Diskussionen mit der Bush-Administration erarbeitet. Es ist unmöglich, den Nordirak
zu besetzen und dort längere Zeit zu bleiben. Darum wird es wohl eine
kontrollierte Operation geben. Das Problem ist nur, dass es unmöglich
ist, die Kurden im Nordirak fein säuberlich von der PKK zu trennen.
Deshalb gibt es auch kein klares Ziel, dass sich ausschließlich auf
die PKK beschränkt.
Was
will denn das Militär?
Weder
das Militär noch die Regierung sagen, wie sie ihre Ziele konkret
militärisch umsetzen wollen. Ich denke auch, dass es dabei viel mehr
um eine psychologische Entlastung im Innern geht: Es geht um die Entsorgung
des herrschenden nationalistischen Traumas, um die Ruhigstellung der Leute
und der Medien, indem man sagt: so, jetzt haben wir aber zurückgeschlagen.
Man
spricht doch darüber, entlang der Grenze auf irakischer Seite
eine Pufferzone zu bilden - ganz ähnlich wie die, die Israel jahrelang
im Südlibanon hatte.
Ja,
darüber wird geredet. Aber das ist meiner Meinung nach auch keine
realistische Option. Die Grenze zu Syrien ist schon seit Jahrzehnten vermint,
und das hat nie etwas gebracht. Das Problem mit der PKK ist kein Problem,
das man im Ausland lösen kann. Es ist ein innertürkisches Problem,
das durch politische Schritte hier gelöst werden muss.
Wird
darüber im türkischen Parlament denn noch diskutiert?
Nein,
darüber gibt es derzeit keine Debatte. Die Vertreter der kurdischen
DTP und einige unabhängige Abgeordnete haben es mal versucht. Aber
Regierungssprecher Cemil Cicek sagte kürzlich, unsere Politik ist
die Politik des Staates - und damit ist erst einmal jede Debatte beendet.
Wenn in der Türkei Staatspolitik gemacht wird, dann ist die zivile
parteipolitische Auseinandersetzung beendet. Wenn du dagegen aufbegehrst,
bist du ein Staatsfeind. Als wir uns als kleine Minderheit gegen einen
Blankoscheck des Parlaments für eine Militäroperation im Nordirak
ausgesprochen haben, wurden wir im Parlament und auf der Straße zur
Zielscheibe der Nationalisten. Wir fühlten uns wie die wenigen Neinsager
in den europäischen Parlamenten vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, ähnlich
wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Wir sind wirklich eine kleine Minderheit
im türkischen Parlament.
Es
gibt die Drohung: Wenn mit den USA keine Einigung über ein gemeinsames
Vorgehen gegen die PKK gefun- den werde, dann wolle man die U.S. Airbase
in Incirlik schließen. Gibt es darüber eine
Debatte?
Nein,
auch darüber wird nicht ernsthaft diskutiert. Im Parlament gibt
es eine sehr merkwürdige Form von Antiamerikanismus. Merkwürdig
deshalb, weil aus solchen Worten absolut nichts folgt. Wir sagen: wenn
die Türkei mit den USA wegen deren gesamter Politik im Nahen Osten
so im Streit liegt - warum treten wir dann nicht aus der Nato aus? Aber
das wollen selbst die ganz nationalistischen Parteien nicht. Die antiamerikanischen
Sprüche sind nur eine nationalistische Attitüde.
Erdogan
trifft sich am Montag mit US-Präsident Bush. Wenn er davon
ohne Ergebnis zurückkehrt - ist es dann nicht
vorstellbar, dass Incirlik geschlossen wird?
Nein,
das glaube ich nicht. Die Türkei ist mittlerweile so in das
von den USA dominierte Geflecht der Weltwirtschaft
integriert, dass sie sich das nicht leisten kann.
Erwarten
Sie, dass von Erdogan in absehbarer Zeit eine neue politische Initiative
zur Lösung der kurdischen Frage ausgehen wird? Er wurde
ja auch von vielen kurdischen Stimmen gewählt.
Das
ist sehr schwer zur Zeit. Ich glaube auch nicht, dass die AKP dafür
wirklich die richtige Adresse ist. Ihre Wähler interessieren sich
für andere Fragen: Es gibt keinen Druck der Basis, die Demokratisierung
des Landes voranzubringen. Die AKP ist eine rechtsgerichtete Partei, die
ihre Aufgabe darin sieht, die Türkei ins Geflecht der weltweiten neoliberalen
Globalisierung einzufädeln.
Müssten Vorschläge zu einer friedlichen Lösung der kurdischen
Frage deshalb nicht gerade von der kurdischen Fraktion im Parlament ausgehen?
Auch, um zu zeigen, dass die gewählten
Vertreter der Kurden andere Ziele haben
als die PKK?
Ja,
das haben sie doch schon getan. In der Debatte um eine neue türkische
Verfassung haben sie keine autonome kurdische Region gefordert, sondern
lediglich auf die unterschiedlichen kulturellen Traditionen der Türkei
hingewiesen. Sie haben gesagt, Demokratisierung kann in einem Zentralstaat
stattfinden, und individuelle Rechte für alle sind die beste Lösung.
Aber
können die kurdischen Abgeordneten der DTP es wagen, sich öffentlich
von der PKK abzusetzen? Der eigentliche Test steht doch erst bevor, wenn
sie ein Programm für die Lösung
der kurdischen Frage vorlegt und die
PKK dem widerspricht.
Das
passiert doch schon. Die DTP fordert eine weitere Demokratisierung
der Türkei. Und sie sagt, der bewaffnete Kampf bringt keine Lösung.
Natürlich gibt es auch innerhalb
der DTP unterschiedliche Stimmen.
Wir werden sehen, wie sie auf ihrem
Parteikongress in einer Woche diskutieren
und entscheiden.
Als
mit der DTP erstmals eine kurdische Fraktion in Ankara Einzug erhielt,
gab es die Hoffnung,
dass die
kurdische
Frage nun nicht
mehr in den
Bergen und auf der Straße ausgekämpft, sondern im Parlament gelöst
werden kann. Ist diese Chance nun
schon wieder verspielt?
Nein,
das glaube ich nicht. Das
Parlament hat doch gerade erst
vor einem Monat
seine Arbeit
aufgenommen.
Natürlich ist es eine Chance für
eine friedliche Lösung -
aber vermutlich die letzte.
Wenn
es zu einem Einmarsch im
Nordirak kommt - hat die Politik
dann noch
eine Chance?
Natürlich wird es schwieriger. Aber die eigentliche Gefahr für
die Türkei liegt doch in einer Art Balkanisierung - dass sich Kurden
und Türken voneinander abschotten und sich in ihre Gettos zurückziehen.
Politik ist die einzige Brücke zwischen diesen unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen.
Deshalb ist eine große Chance, dass die DTP im Parlament sitzt. Wir
wissen nicht, was die Zukunft bringt. Aber wir müssen
auf dieser Chance beharren.
INTERVIEW:
JÜRGEN GOTTSCHLICH |