"Wir
haben den Frieden unterstützt, aber sie haben uns verboten." In
seiner letzten Pressekonferenz als Vorsitzender der am Freitagabend
vom Verfassungsgericht verbotenen kurdischen DTP zog Parteichef Ahmet
Türk am Samstag eine bittere Bilanz der letzten Wochen. Er kündigte
an, dass jetzt zunächst alle ehemaligen Abgeordneten der DTP
das Parlament verlassen werden. Trotzdem will Ahmet Türk, den
das Verfassungsgericht persönlich mit einem Politikverbot für
die nächsten fünf Jahre belegte, die Hoffnung nicht aufgeben: "Eines
Tages wird der Frieden gesichert werden", gab er den Journalisten
mit auf den Weg.
Danach
sah es allerdings in den zwei Tagen nach der Verkündung
des DTP-Verbots überhaupt nicht aus. Stattdessen brannten in den
Städten des kurdisch besiedelten Südostens der Türkei
die Barrikaden. Tausende von wütenden Demonstranten lieferten
sich in Diyarbakir, Van, Hakkari und Yüksekova blutige Straßenschlachten
mit der Polizei und Gendarmerie. In Hakkari, Van und Diyarbakir verbarrikadierten
kurdische Jugendliche ganze Stadtteile und lieferten sich anhaltende
Scharmützel mit der Polizei. Es gibt zahlreiche Verletzte und
Festnahmen. Am Samstag waren in allen kurdischen Städten die Rollläden
der Geschäfte aus Protest gegen das Parteiverbot heruntergelassen.
Längst spricht man überall von einer kurdischen Intifada.
Die
Bilder erinnern fatal an die erste Hälfte der 90er-Jahre,
als der Krieg zwischen der Armee und der PKK sich auf dem Höhepunkt
befand. Auch damals waren vier kurdische Abgeordnete, die auf der Liste
der Sozialdemokraten ins Parlament gekommen waren, wegen Unterstützung
der PKK verurteilt und aus dem Parlament heraus direkt ins Gefängnis
geworfen worden. Zu ihnen gehörte Leyla Zana, die bekannteste
kurdische Politikerin, die, obwohl gar nicht Mitglied der DTP, dieses
Mal erneut zu den 35 Personen gehört, die das Verfassungsgericht
neben dem Parteiverbot noch mit einem persönlichen Politikverbot
für fünf Jahre belegte. Bei Ahmet Türk und Aysel Tugluk
ist das besonders fatal. Die beiden Vorsitzenden der bisherigen kurdischen
Parlamentsfraktion sind die Wortführer des moderaten Teils der
kurdischen Bewegung und ihre Ausschaltung durch das Gericht dürfte
dazu führen, dass radikalere Leute nun in die erste Reihe vorrücken.
Bislang
ist aber auf kurdischer Seite noch nicht geklärt, wie
es politisch weitergehen wird. Der Rückzug aus dem Parlament ist
eine Demonstration des Protestes, aber noch keine endgültige Entscheidung.
Von den 21 Parlamentariern sind nach dem Politikverbot von Ahmet Türk
und Aysel Tugluk formal erst einmal 19 parteilose, unabhängige
Abgeordnete übrig geblieben, die aber geschlossen in eine neue,
noch zu gründende Partei eintreten könnten, um dann eine
Gruppe im Parlament zu bilden. Der Fraktionsstatus ist allerdings erst
ab 20 Abgeordneten möglich, der bisherige parteilose linke Abgeordnete
Ufuk Uras hat aber schon angekündigt, in einem solchen Fall
der Gruppe beizutreten.
Die
Kurden wollen jetzt jedoch zunächst eine große Versammlung
in Diyarbakir durchführen - die Rede ist von einem kurdischen
Parlament -, um dort zu entscheiden, ob man mit einer neuen Partei
antreten will. Es wäre die vierte seit Anfang der 90er-Jahre,
drei wurden bislang bereits verboten.
Die
PKK hat unterdessen verkündet, dass für sie mit der Entscheidung
des Verfassungsgerichts der Dialog endgültig gescheitert sei.
Die PKK-Gefangenen erklärten, "Staat, Medien, Militär,
Polizei und Justiz hätten ihr rassistisches kolonialistisches
Gesicht" gezeigt. Die Gefangenen kündigten einen Hungerstreik
an und riefen die Bevölkerung zu einem "Aufstand auf der
Straße" auf. Mit einem Angriff auf einen Militärbus,
bei dem in der letzten Woche sieben Soldaten getötet wurden und
zu dem sich die PKK nur wenige Stunden vor dem Urteil am Freitag bekannt
hatte, war die Stimmung angeheizt worden.