"Warum
darf nur Herr Erdogan Kurdisch reden und nicht die Kurden", empörte
sich Ahmet Türk, Vorsitzender der kurdischen DTP, gestern. Zuvor
war es im Parlament zu einem Eklat gekommen, nachdem Türk begonnen
hatte, eine Rede in seiner Muttersprache zu halten.
Erstmals
nachdem die kurdische Politikerin Leyla Zana bei ihrer Vereidigung
als Abgeordnete 1991 versucht hatte, im Parlament in Ankara ein paar
Sätze auf Kurdisch zu sagen und dafür später mit fast
zehn Jahren Gefängnis bezahlte, machte am Dienstagnachmittag wieder
ein kurdischer Politiker einen Anlauf, seine Sprache auch im obersten
Haus der Politik zu verwenden, In einer Rede vor seiner Fraktion legte
der Partei- und Fraktionschef der DTP nach einigen einleitenden Worten
sein türkisches Redemanuskript zur Seite und wechselte in seine
Muttersprache. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis das Parlamentsfernsehen
sich daraufhin bei Ahmet Türk ausklinkte.
Parlamentspräsident Köksal Toptan von der regierenden AKP begründete
das damit, dass nach der Verfassung im Parlament eine andere Sprache
als Türkisch nicht erlaubt ist. Türk verwies dagegen auf den
Kanal 6 des Staatsfernsehens TRT, der seit Anfang des Jahres in Kurdisch
sendet. "Wenn ein staatliches Fernsehprogramm in Kurdisch sendet
und Ministerpräsident Erdogan bei seinen Wahlauftritten im Südosten
des Landes kurdische Sätze sagt, warum dürfen wir nicht Kurdisch
reden?"
Tatsächlich hat sich mit der Einrichtung des staatlichen kurdischen
Fernsehkanals einiges geändert. Der Sender wird von den Kurden im
Südosten der Türkei begeistert genutzt. Daraus ergibt sich
aber für jeden Kurden die Frage, warum die Sprache bei anderen Gelegenheiten
verboten bleiben soll. Das gilt vor allem im Wahlkampf für die Kommunalwahlen
im März. Laut Parteiengesetz ist es streng verboten, bei politischen
Veranstaltungen eine andere Sprache als Türkisch zu verwenden. Trotzdem
wollte Premier Erdogan, dass sein Auftritt am letzten Sonntag in Diyarbakir
von Ka- nal 6 auch auf Kurdisch übertragen wird. Das wurde dann
zwar doch nicht gemacht, Erdogan gab aber einige einstudierte kurdische
Sätze zum Besten, um sich beim Wahlvolk beliebt zu machen. Darauf
bezog sich Ahmet Türk, als er gestern meinte: "Kurdisch ist
erlaubt für den Staat, aber verboten für die Kurden",
das könne nicht sein.
Mit
dieser Position ist er nun auch innerhalb der türkischen Gesellschaft
nicht mehr allein. Cengiz Candar, einer der bekanntesten türkischen
Kolumnisten, schrieb am Mittwoch in Radikal: "Kurde Ahmet Türk,
das hast du sehr gut gemacht." Selbst ein Sprecher der nationalistischen
MHP sagte, wenn der Ministerpräsident und das Staatsfernsehen Kurdisch
sprechen, benutzt natürlich auch Ahmet Türk Kurdisch. Trotzdem
hat die Staatsanwaltschaft in Ankara eine Untersuchung gegen Türk
eingeleitet, weil nach Artikel 81 des Parteiengesetzes politische Parteien
nur Türkisch benutzen dürfen.