"Wir
haben die Botschaft des Volkes gehört. Wir werden zukünftig
besser arbeiten." Das erste Mal in der Geschichte der türkischen
Regierungspartei AKP musste Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan
nach einer Wahl eingestehen, dass seine Partei ihre Ziele nicht erreicht
hat. Mindestens 50 Prozent wollte Erdogan bei den landesweiten Kommunalwahlen
gewinnen, gerade mal 40 Prozent wurden es am Ende.
Nur
mit Mühe konnte die AKP die Hauptstadt Ankara und Istanbul halten.
In beiden Städten regieren die Islamisten seit 1994. Während
in Ankara ununterbrochen Melih Gökcek die Macht behauptete und
nun mit einem knappen Wahlsieg seine vierte Regierungsperiode sicherte,
wechselten
die Chefs in Istanbul seitdem bereits viermal.
Die
Wahlnacht wurde am Bosporus besonders spannend. Zeitweilig betrug der
Abstand zwischen dem AKP-Bürgermeister Kadir Topbas und seinem
Herausforderer von der kemalistischen CHP, Kemal Kilicdaroglu, den die
Medien den "Gandhi von Istanbul" nennen, nur noch 2 Prozent.
Am Ende reichte es zwar doch für Topbas, aber dass die AKP in Istanbul
an den Rand einer Niederlage kam, hatte niemand für möglich
gehalten.
Obwohl
die CHP sich als wichtigste Oppositionspartei und laizistische Alternative
zur AKP in absoluten Zahlen nur unwesentlich verbessern
konnte, gelangen ihr doch einige überraschende Erfolge. Außer dem
guten Abschneiden ihres Kandidaten in Istanbul zählen dazu der Gewinn
der Tourismusmetropole Antalya und der deutliche Sieg in Izmir. Die CHP
kontrolliert nun mit einer Ausnahme alle Städte und Landkreise entlang
der Ägäis und der Mittelmeerküste.
Die
Landkarte der Türkei zeigt damit eine klare Abgrenzung: die
Küste gehört den Laizisten, das Landesinnere der AKP. Mit einer
großen Ausnahme: Der kurdische Südosten hat klar ethnisch
gewählt. Das große Ziel der AKP, die kurdische Frage quasi
an der Wahlurne zu lösen, indem sie die kurdische Regionalpartei
DTP ablöst, ist gescheitert. In der Metropole Diyarbakir gewann
die DTP Zweidrittel der Stimmen und auch die anderen Provinzen entlang
der irakisch-iranischen-türkischen Grenze blieben klar in
der Hand der DZP.
Bleiben
noch die Erfolge der rechtsnationalen, exfaschistischen MHP. Der Kurs
von Parteichef Devlet Bahceli, die Partei mehr
in die Mitte
zu führen, macht sich bezahlt. Zwar konnte die MHP außer in
Adana keine Großstadt gewinnen, aber in absoluten Zahlen
hat sie am deutlichsten zugelegt.
Die
AKP hat nach rechts wie nach links verloren und ist auf Normalmaß geschrumpft.
Wären am Sonntag Parlamentswahlen gewesen, hätte die AKP ihre
absolute Mehrheit verloren und von einer CHP-MHP-Koalition abgelöst
werden können. Erdogan muss sich künftig darauf einstellen,
dass seine Zeit als Alleinherrscher zu Ende geht - vor allem dann, wenn
es der Opposition gelingt, vor den nächsten Wahlen auch eine personelle
Alternative aufzubauen.