"Es
ist so falsch, was sie gemacht haben, es ist eine solche Schande." Hamza
Yazgan stehen Tränen in den Augen, und er ballt die Fäuste,
wenn er darüber spricht. Es geht um die Zerstörung seines
Heimatortes Halfeti. Es war vor sieben Jahren, als das Wasser kam und
rund die Hälfte des Städtchens unter den Fluten des neuen
Stausees versank. Wer den Ort von früher nicht kennt, glaubt sich
zunächst an einem idyllischen Plätzchen. Schöne alte
Häuser stehen am Hang, und unten schimmert das türkisfarbene
Wasser des Euphrat. Ein paar Motorboote warten auf Gäste für
eine Rundfahrt, und in den Teegärten werden die Tische nach draußen
in die Frühlingssonne getragen.
Doch schon auf den zweiten Blick wird es merkwürdig. Viele der schönen
alten Steinhäuser sind verlassen und zeigen deutliche Spuren der
Verwahrlosung. Die Gassen sind verödet, nur wenige Kinder spielen
auf der Straße. Besonders obskur wird es am Seeufer. Überall
stehen Schilder mit der Aufschrift "Schwimmen verboten". Den
Blick über das Wasser schweifen lassend, sieht man ungefähr
zehn Meter vom Ufer entfernt plötzlich die Spitze eines Minaretts
aus dem Wasser ragen und versteht, warum der See für Schwimmer schnell
zur Falle werden kann. Man könnte sich leicht an den Hausdächern
und Baumkronen des ehemaligen Halfeti verletzen, die teils nur wenige
Zentimeter unter dem Wasser vor sich hin rotten. Hamza Yazga zeigt auf
eine Stelle im See und sagt, dass genau dort sein Garten liegt. "Alles
ist hier gewachsen: Mandarinen, Feigen, Maulbeerbäume, Oliven und
Gemüse, so viel du wolltest. Wir konnten vom Verkauf sehr gut leben." Yazgan
hat damals vom Staat 50.000 Lira, rund 20.000 Euro, als Entschädigung
bekommen. "So viel haben wir doch mit unseren Feldern und Gärten
in ein paar Jahren erwirtschaftet", sagt er. "Nein, der Staudammbau
war ein Verbrechen."
Der
türkische Staat sieht das natürlich anders. Bereits in
den 1950er-Jahren entstanden die Pläne für ein großes
Entwicklungsprojekt zwischen Euphrat und Tigris. Die Pläne sehen
vor, durch insgesamt 22 Staudämme am Oberlauf der beiden mesopotamischen
Ströme und ihren Nebenflüssen Elektrizität zu gewinnen
und große Flächen ausgedörrten Landes zu bewässern.
Das GAP-Projekt ist mittlerweile gut zur Hälfte realisiert: Fünfzehn
Dämme sind bereits entstanden, fünf große davon allein
am Euphrat. Der letzte davon ist der Birecik-Damm, kurz vor der türkisch-syrischen
Grenze. Oberhalb des Damms hatte sich der Euphrat über Millionen
Jahre eine tiefe Schlucht gegraben, die nun weitgehend geflutet wurde.
Dass einst zauberhafte Orte wie Halfeti oder die archäologische
Stätte der ehemaligen römischen Großstadt Zeugma mit
ihren weltberühmten Mosaiken dabei unter Wasser verschwanden, sei
zwar bedauerlich, aber im Vergleich zum Gewinn doch unerheblich, meinen
die Verantwortlichen der staatlichen Wasserbehörde DSI.
Mehr
als 30.000 Menschen mussten wegen des Birecik-Damms umgesiedelt werden.
Wer heute durch Neu Halfeti fährt, die Ersatzsiedlung, die
der Staat auf einem Hochplateau außerhalb der Schlucht für
die Bewohner des alten Halfeti gebaut hat, wird die Konsequenzen des
Damms allerdings kaum "unerheblich" finden. Es ist eine traurige
Ansammlung halbfertiger Betonhütten, ein tristes Straßendorf,
in dem sich kaum neues Leben entwickelt. Die meisten durch den Staudamm
Vertriebenen sind deshalb auch nicht in den Ersatzsiedlungen geblieben,
sondern längst in den Slums der größeren Städte
gelandet. Zurück geblieben sind die Alten, wie der 60-jährige
Hamza Yazgan.
Was
in Halfeti bereits traurige Realität ist, steht den Menschen
am Tigris oberhalb des geplanten Ilisu-Staudammes erst noch bevor. Anlässlich
der in dieser Woche in Istanbul stattfindenden 5. Weltwasserkonferenz
organisierte der türkische Naturschutzverein Doga Dernegi eine Reise
von Birecik aus durch die Tiefebene des nördlichen Mesopotamien.
Durch diese älteste bekannte Kulturlandschaft der Welt geht es über
Urfa, Diyarbakir und Batman bis Hasankeyf, dem Ort, der, wie Halfeti
am Euphrat, zum Symbol des Widerstandes gegen den Ilisu-Staudamm
am Tigris geworden ist.
Hasankeyf
ist eine archäologische Schatztruhe. An einer Furt des
Tigris gelegen, sind in dem Ort Zeugnisse menschlicher Besiedlung zu
finden, die bis zu 10.000 Jahre alt sind. Alle Kulturen Anatoliens haben
hier ihre Spuren hinterlassen, angefangen von frühen Höhlenbewohnern
bis zu den Hochkulturen von Persien, Byzanz, den Seldschuken und den
Osmanen. Antike Nekropolen, jahrhundertealte Moscheen, Reste einer einstmals
reichen Stadt über dem Tigris, sollen in wenigen Jahren genauso
geflutet werden wie die Felder und Häuser der heute in Hasankeyf
lebenden Menschen. Seit Jahren kämpfen die Einwohner von Hasankeyf
gegen den drohenden Damm. "Seit ich denken kann, werden wir hier
durch die Staudammpläne terrorisiert", erzählt die 30-jährige Ömer,
deren Familie ein kleines Fischrestaurant betreibt.
Im
Moment wächst in Hasankeyf wieder die Hoffnung. Die staatlichen
Bürgschaften von Deutschland, der Schweiz und Österreich, mit
deren Hilfe der 2 Milliarden Dollar teure Bau finanziert werden soll,
stehen in Frage, weil die türkische Regierung bislang einen großen
Teil der Auflagen, die den Damm ökologisch und sozial verträglich
machen sollen, nicht eingehalten hat. Ein letztes Moratorium läuft
bis Anfang Juni, dann soll die endgültige Entscheidung fallen, ob
die drei Länder aus dem Projekt aussteigen. Obgleich sie sich die
Aufträge für ihre Baufirmen ungern entgehen lassen dürften,
ist angesichts der anhaltenden Proteste und vor allem der Finanzkrise
ein Ausstieg derzeit wahrscheinlicher als das sture Festhalten
an dem Staudammprojekt.
Angemessene
Entschädigungen der türkischen Regierung für
die Anwohner sind nicht in Sicht. Empört erzählen die Männer
im Teehaus von Hasankeyf, sie sollten einen Vertrag unterschreiben, der
vorsieht, dass sie für ihre alten Häuser rund 10.000 Euro bekommen,
für die neuen Häuser aber 25.000 Euro Schulden
beim Staat aufnehmen sollen.
Derzeit
sind die im letzten Jahr begonnenen Bauarbeiten am Ilisu-Damm ungefähr 60 Kilometer von Hasankeyf entfernt eingestellt. Die Baustelle
vermittelt aber schon jetzt einen guten Eindruck davon, was hier geplant
ist. Zwei Kilometer lang, von einem Berggipfel zum anderen, und 350 Meter
hoch wird der Damm sein und den Tigris fast 400 Kilometer weit zurück
aufstauen. Die Gegend sieht schon jetzt aus wie eine Mondlandschaft.
Rundum hat das Militär Position bezogen. Sollte Ilisu gebaut werden,
wäre das nicht nur für die 50.000 Menschen, die dann umgesiedelt
werden müssten, eine Katastrophe - auch ökologisch leidet die
Türkei schon jetzt erheblich unter den bereits über das ganze
Land verteilten 258 Staudämmen. Die Dämme, erläutert Güven
Eken von Doga Dernegi, blockieren den natürlichen Wasserkreislauf,
zerstören riesige Flussdeltas und führen teilweise dazu, dass
der Niederschlag in den Bergregionen, aus denen die gestauten Flüsse
gespeist werden, dramatisch abnimmt. Einzelne Stauseen
drohen deshalb bereits wieder zu verlanden.
Doch
die türkische Regierung schert sich bislang nicht um die ökologischen
Konsequenzen. Sie hat gerade erst den obersten Staudamm-Lobbyisten Veysel
Eroglu, bisheriger Chef der landesweiten Wasserwerke DSI, zum Umweltminister
gemacht. Der verkündete prompt, Staudämme seinen die beste
Art, kohlendioxidfrei Strom zu erzeugen, und will deshalb in den kommenden
Jahren in der Türkei zusätzliche 800 neue Staudämme bauen
lassen.
Weltwasserforum
"Wir
steuern direkt auf eine globale Wasserkrise zu", sagte
Martin Geiger, Leiter des Bereichs Süßwasser des
WWF Deutschland, im Vorfeld des heute in Istanbul beginnenden
fünften Weltwasserforums. Insgesamt rund 20.000 Teilnehmer
werden auf dem Forum erwartet - Vertreter von 120 Regierungen,
NGOs, mehreren UN-Organisationen und der Weltbank. Es soll
eine Istanbul-Deklaration verabschiedet werden, in der die
unterzeichnenden Regierungen sich zur Verbesserung ihres Wassermanagements
verpflichten. Kritiker sagen, es ginge bei dem Kongress vor
allem darum, dass große Privatkonzerne ihre Anliegen
promoten könnten. Die türkische Regierung hatte bereits
im Vorfeld verhindert, dass die Unesco unter dem Stichwort "Wasser
und Kulturgüter" Gegner des geplanten Staudamms in
Hasankeyf referieren lassen wollte - das werden sie nun bei
einem Alternativkongress von NGOs aus aller Welt an einer Istanbuler
Universität.
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