junge Welt
24.10.2001

Trickreiches Spiel auf Zeit

Prozeß über sexuelle Gewalt in Polizeihaft erneut vertagt

von Andrea Schanz

 

Mit Vertagung mangels Beweismitteln endete
dieser Tage auch der dritte Prozeßtag vor dem
Istanbuler Strafgericht nach nur 45 Minuten.
Nächster Termin ist der 5. Februar 2002. Den
19 Angeklagten wird vorgeworfen, den türki-
  schen Staat und dessen Sicherheitskräfte ver-
leumdet und beleidigt zu haben, indem sie im
Sommer letzten Jahres an einem Kongreß
zum Thema sexuelle Gewalt in den Gefängnis-
sen mitgewirkt haben.
     
Wie auch bei den beiden letzten Terminen
fehlten immer noch entscheidende Beweis-
mittel: Ein Video, das bei dem Kongreß auf-
genommen worden sein soll, ist noch immer
nicht wieder aufgetaucht. Eine der Angeklag-
ten, Fatma Deniz Polattas, befand sich zur
  Zeit des Kongresses in Polizeihaft, kann also
nicht teilgenommen haben. Dies wurde schon
beim ersten Prozeßtermin festgestellt, konnte
aber laut Aussage des Richters bis jetzt nicht
überprüft werden.

     
Zwei der Angeklagten machten eine Aussa-
ge. Suna Aras berichtete von zwei Beispie-
len aus der jüngeren Vergangenheit, bei de-
nen Frauen auf offener Straße vergewaltigt
worden sind. Jedesmal seien Polizisten da-
beigewesen. In einem Land, wo dies möglich
sei, fühle sie sich nicht in Sicherheit. Die an-
geklagte Schriftstellerin Berin Tas, die den
Kongreß mit vorbereitet hat, glaubt, daß se-
  xuelle Folter undgewaltigung immer wieder vor-
kommen werden, da die Täter wüßten, daß sie
in der Türkei nicht bestraft würden. Die Aussa-
gen wurden von seiten des Richters nicht kom-
mentiert. Eine der Angeklagten meinte nach
der Verhandlung, der Prozeß würde offensicht-
lich absichtlich verschleppt, um betroffene Frau-
en einzuschüchtern und sie davon abzubringen,
Anzeige zu erstatten.