24.Oktober 2000

Erklärung von Selahattin Celik
zur PKK


An den Präsidentialrat der PKK

Im Mai haben sich an die 50 Guerillakämpfer und -kämpferin-
nen gegen Eure falsche Politik gewandt und sich infolgedessen von Euch getrennt. Im Juni hat Euch Öcalan dann den Befehl geschickt, sie hätten damit "ein schweres Verbrechen began-
gen, das unter dem Kriegsrecht auf härteste Weise zu bestra-
fen" sei. Und Ihr habt seinen Befehl sofort aufgegriffen, wie ein Ertrinkender, der sich an jeden Strohhalm klammert. Ihr seid sogar so weit gegangen, alle Kämpfer und Kämpferinnen der Linie des revolutionären Aufstands, die gegen Eure falsche Linie sind, des Komplottes zu beschuldigen. Eurer erfundenes Komplott reicht bis Deutschland und bis in die USA und natür-
lich habt Ihr auch die PUK dabei nicht vergessen. Schließlich fordert ja der türkische Staat von Öcalan, daß er einen Krieg zwischen der PKK und der PUK provoziert. Es kam auch zu den erwarteten Gefechten zwischen der PKK und der PUK, dabei wurden auf beiden Seiten mindestens 200 Kämpfer und Kämpferinnen getötet. Nach den Quellen der PKK liegen ihre eigenen Verluste bei über 50.

Ich frage Euch:

Für was haben diese Jugendlichen ihr Leben verloren? Für nichts, außer für die Interessen des türkischen Staates! Wenn die Gefallenen der PKK Märtyrer sind, was ist mit den Gefalle-
nen der PUK?

Bis gestern habt Ihr die KDP angegriffen mit der Begründung, daß sie Lakaie des türkischen Staates ist. Und heute reicht Ihr die Friedenshand. Wie erklärt Ihr diesen Widerspruch und Eure Wankelmütigkeit?

Außerdem seid Ihr plötzlich ein Freund des Iraks geworden. Auf einmal schießen Erklärungen und Artikelserien von Euch über die ungerechte Behandlung des Iraks wie Pilze aus dem Boden. Es fehlt nicht mehr viel und Ihr proklamiert Saddam zum Freund der Kurden. Woher kommt Eure plötzliche Liebe zum Irak? Hängt es mit US-Plan, den Völkermord an den Ar-
meniern durch den türkischen Staat als solchen zu benennen zusammen, ist Eure Liebe zum Irak jetzt eine Gegenreaktion, die die USA provozieren soll? Oder hat Euch der irakische Diktator einen Platz eingeräumt?

Ihr redet vom demokratischen Irak. Vorher habt Ihr erklärt, Ihr würdet Euch im Rahmen der von den USA für die Region vor-
gesehene Ordnung bewegen. Diese Ordnung - die auch von der Türkei, den arabischen Staaten, dem Iran, der KDP und der PUK unterstützt wird - sieht die territoriale Integrität des Irak vor. Ist es denn Eure Aufgabe, die territoriale Integrität des Irak zu schützen? Wißt Ihr denn nicht, daß es in einer wie auch immer gearteten Ordnung des Iraks nie einen Platz geben wird? Aber das ist ja auch nicht notwendig, denn Ihr seid ja eine Organisation Nordkurdistans. Alle die sich der PKK an-
geschlossen haben, haben das getan, um gegen den türki-
schen Staat zu kämpfen.

Steckt daher nicht hinter Eurer ständigen Änderung Eurer Strategie, daß Ihr Euch nicht an einer richtigen Analyse der politischen Realität, sondern vielmehr an praktischen Erfor-
dernissen und an Eurer Angst der Selbsterhaltung orientiert? Wenn Euch Eure wankelmütige Politik morgen nach Jordanien verschlagen würde, dann werdet Ihr mit Sicherheit plötzlich be-
haupten, die Interessen des kurdischen Volkes werden vom demokratischen Jordanien verwirklicht und das sei schon im-
mer die Mission der PKK gewesen. Aber natürlich nur, wenn es Öcalan und der türkische Generalstab erlauben.

Warum habt Ihr Angst vor der Freiheitsinitiative?

Als sich Eure Kapitulationspolitik ablehnende Guerillakämpfer und -kämpferinnen von Euch getrennt und unter dem Namen Freiheitsinitiative organisiert haben, erklärte Cemil Bayik, das seien "eben Taugenichtse gewesen" (Özgür Politika vom 15. August 2000). Als aber später vier von ihnen in Eure Reihen zurückgekehrt sind, kam die Erklärung "Unsere Freunde sind zu uns zurückgekehrt" (Özgür Politika vom 17. Oktober 2000). Außerdem habt Ihr in ihrem Namen Mitglieder der Organisation und Intellektuelle auf hinterhältige Weise denunziert, die der der Schreiberlinge des ÖHD (türkische Spezialkriegsbehörde) in nichts nachsteht. Gehen wir nur mal einen Moment nach Eurer Logik und unterstellen, daß sie richtig ist: Die Leute, die sich von Euch getrennt haben, sind also "Taugenichtse". Gut, sobald sie zurückgekehrt sind, waren sie "Eure Freunde". Der logische Schuß wäre, daß Ihr alle "Taugenichtse" seid.

Wenn man nach Eurer Logik geht, dann sind nicht wir es, sondern Ihr, die Ihr Euch selbst sowie hunderte Guerillakäm-
pfer und -kämpferinnen an Eurer Seite beleidigt. Könnt Ihr uns auch nur ein Beispiel sagen, wo Ihr auch nur ein einziges gu-
tes Haar an einem der hunderte Genossen und Genossinnen gelassen habt, die sich von Euch getrennt haben? Gibt es denn unter den hunderten, die von Euch weggegangen sind, keine/n einzige/n, der/die das wegen nachvollziehbaren, ak-
zeptierbaren Gründen wie ideologischen Differenzen getan hat? Sind die Menschen nur gut, solange sie sich Euch unterord-
nen, aber sobald sie sich von Euch trennen, plötzlich "Tauge-
nichtse" und schlecht? Bei Euch gibt es kein Körnchen Menschlichkeit, Freundschaft, Achtung vor Genoss/inn/en mehr. Ihr diffamiert jemanden leichtfertig als Verräter, aber wenn es später Euren Interessen nutzt, habt Ihr kein Problem, die gleiche Person plötzlich heilig zu sprechen.

Und warum bauscht Ihr die Rückkehr von vier Leuten in Eure Reihen so sehr auf? Nach der Erklärung der Freiheitsinitative vom 17. Oktober 2000 haben sich vier Leute von ihr wieder ge-
trennt während sich sechs neue angeschlossen haben. Nach Eurer Logik wären das zwei Gewinne für die Freiheitsinitiative und nicht für Euch. Aber die Freiheitsinitiative verhält sich nicht so aggressiv und verleumderisch wie Ihr. Sie diffamiert nieman-
den als "Verräter", wenn sie/er sich von ihr trennt, sondern be-
handelt die Genoss/inn/en als Freunde und Menschen, verteidigt ihr Lebensrecht.

Es ist nicht nur Mahmut Kilinc

Ihr werdet von anderen und von der Lüge gelenkt, trotzdem hatten wir gehofft, daß Ihr wenigstens ein Körnchen von De-
mokratie praktiziert, nachdem Ihr dieses Wort schon ständig im Munde führt. Aber jede Eurer Erklärungen und Handlungen zeigt, daß Ihr Euch sogar noch weiter von der Achtung der Menschenwürde und der Rechte des Individuums entfernt und Euer Vorgehen immer schlimmer wird.

Woher nehmt Ihr das Recht, jede/n, die/der Euch in die Quere kommt zu beleidigen? Was bildet Ihr Euch denn ein? Glaubt Ihr etwa, das kurdische Volk sei dumm? Warum sollte es ein Verbrechen sein, mit Guerillakämpfern zu sprechen, die sich von Euch getrennt haben? Dabei wißt Ihr doch selbst ganz ge-
nau, daß jede/r Guerillakämpfer/in, die/der den Schritt macht, von Euch wegzugehen, hunderte in Euren Reihen zurückläßt, die genauso denken, daß hunderte Eurer PKK-Kader die von Euch betriebene Politik nicht richtig finden. Gleiches gilt auch für die Intellektuellen und für das Volk.

In Europa haben sich nahezu alle Solidaritätsgruppen aufgrund dieser Politik von der PKK zurückgezogen. Warum zieht Ihr nicht die Konsequenzen daraus?

Die Guerillakämpfer/innen, die sich von Euch getrennt haben, und die Initiativen, die sich gegen Eure Politik stellen, stoßen auch bei diesen Kreisen auf Interesse und Unterstützung. Viele Leute, darunter auch ich, stehen im Kontakt mit den Guerilla-
kämpfer/innen, die sich von Euch getrennt haben und befür-
worten und unterstützen ihre Aktionen. Denn ihre Aktionen sind ein Ausdruck ihrer Verbundenheit zur revolutionären und nationalbefreierischen Linie der PKK entgegen Eurer vom Ver-
rat geleiteten Politik.

Nicht Ihr, sondern diejenigen, die sich von Euch getrennt ha-
ben, repräsentieren die PKK. Ihr seid es, die sich von der na-
tionalbefreierischen, widerständischen und die Interessen der Werktätigen vertretenden Linie entfernt haben. Ihr habt Euch in Bürokraten und in typisch mittelöstliche Feudalherren-Politiker verwandelt. Ihr habt die Organisation in die Abhängigkeit des türkischen Generalstabs gebracht. Wie könnt Ihr da noch be-
haupten, Ihr würdet die PKK repräsentieren? Ihr wißt ganz ge-
nau, daß es inzwischen die Zahl der PKK'ler außerhalb der PKK viel größer ist als Eure Zahl. Vielleicht haben sich die PKK'ler, die die PKK bereits verlassen haben, noch nicht richtig organisiert, aber es ist klar, daß sie angesichts des Verrats nicht weiter schweigen können und werden.

Was bleibt den Guerillakämpfer/innen, die noch in Euren Rei-
hen sind, wenn sie Eure Politik falsch finden? Sie haben kein Recht zu kritisieren und kein Recht, sich von Euch zu trennen. Wenn sie ihre Ansichten an die Öffentlichkeit bringen wollen, haben sie keinerlei Möglichkeiten dazu. Es bleibt ihnen also nichts anderes übrig, als entweder zum Werkzeug Eurer fal-
schen Politik zu werden, oder sich von Euch zu trennen.

Und wohin können diejenigen denn gehen, die Eure Camps verlassen wollen? In das von der KDP-kontrollierte Gebiet, in die inneren Gebiete Nordkurdistans, in den Iran oder in das PUK-kontrollierte Gebiet. Nach der Sache mit Semdin Sakik, wird kein Guerillakämpfer mit klarem Verstand sich dem Risiko aussetzen, sich in das KDP- kontrollierte Gebiet zu flüchten. Ihr wißt auch ganz genau, daß der Singvogel von Imrali viel zu dieser Lage beigetragen hat.

Für den Ausweg Nordkurdistan gibt es das Beispiel Dersim.
Ihr habt die Guerillakämpfer/innen, die in Dersim geblieben sind, denunziert, den türkischen Generalstab auf sie gehetzt. Ihr habt ihr Leben auf dem Gewissen. Hinterher habt Ihr sie ohne Euch zu schämen als "Freunde" bezeichnet. Mit Hamili Yildirim, der sich Euch nicht ergeben hat, habt Ihr das gleiche versucht, allerdings erfolglos. Daher ist es nur logisch, daß diejenigen, die von Euch weggingen, in den Iran mußten. Bei den Beziehungen zwischen Euch und der PUK war das un-
umgänglich. Wenn Ihr es geschafft hättet, zu einem normalen Umgang zu finden, wäre es möglich gewesen, vernünftige Be-
ziehungen zu entwickeln und die Konflikte zu vermeiden, die hunderte Menschenleben gekosten haben.

Ich frage Euch: Was würdet Ihr tun, wenn sich ehemalige Mit-
glieder der KDP oder der PUK, die wegen Unterdrückung durch und Differenzen mit ihren Organisationen weggehen mußten, zu Euch flüchten würden? Würdet Ihr sie ihren früheren Orga-
nisationen ausliefern?

Unter welchem Aspekt man es auch betrachtet, Eure Erklä-
rungen und Praktiken im Umgang mit den Guerillakämpfer/
innen, die sich von Euch getrennt haben, sind weder richtig noch menschlich.

Die Guerillakämpfer/innen, die von Euch weggegangen sind, sind zur Hoffnung geworden für die PKK, für das Volk, für aufrichtige Intellektuelle, die anders denken als Ihr.

Warum attackiert Ihr dann Mahmut Kilinc, wo die Wahrheit doch so klar und offensichtlich ist? Da habt Ihr Euch ver-
schätzt und setzt auf Taktik. Denn Mahmut Kilinc ist für
Euch einige Nummern zu groß, er ist ein konsequenter, un-
beugsamer, unerschrockener kurdischer Politiker und Intel-
lektueller. Wir hätten erwartet, daß Ihr Euch an seiner Würde ein Beispiel nehmt, anstatt ihn zu attackieren, Euch seine Kritik zu Herzen nehmt und aus seinen Vorschlägen Lehren zieht. Aber nein, Ihr habt es Euch zur Aufgabe gemacht, die Würde zu zerschlagen und sie stückchenweise zu verkaufen. Was für ein Widerspruch! Der Singvogel von Imrali, den Ihr als Euren großen Führer anerkennt, hat Euch befohlen, mit Mah-
mut Kilinc zu sprechen, und Ihr greift ihn an.

Ihr wollt alle Menschen mit klarem Verstand, insbesondere die Intellektuellen, alle, die sich nicht zum Werkzeug Eurer Politik des Verrats machen lassen, beleidigen und einschüchtern und bedroht sie. Aber das zieht nicht mehr! Schließlich wissen al-
le, daß Euch der türkische Staat und Öcalan die Zähne gezo-
gen haben, so daß Ihr gar nicht mehr beißen könnt.

Wenn Ihr, die Ihr uns angreifen wollt, wenigstens ebenbürtige Gegner wäret. So muß man z.B. Ali Haydar Kaytan fragen, ob er den Intellektuellen, gegen die er hetzt, überhaupt das Was-
ser reichen kann. Hat er überhaupt eine Ahnung davon, was Würde bedeutet? Weiß er, was es bedeutet, einen Menschen zu unrecht zu diffamieren, die eigene Presse dazu zu mißbrau-
chen, andere zu denunzieren, so wie es das Geschäft der Spe-
zialisten der türkischen Spezialkriegsbehörde ist? War er selbst jemals mit einem türkischen Soldaten konfrontiert? Hat er selbst jemals auf einen türkischen Soldaten geschossen? Und wie viele unschuldige kurdische Jugendliche hat er er-
schossen? Er soll sich unterstehen, jemanden, der bei der Guerilla ist, als Geisel gegen andere Kurden zu benutzten.

Es geht bei Ihnen nicht mehr darum, gegen den türkischen Staat zu kämpfen, sondern nur noch gegen andere Kurden.

Zum Schluß möchte ich noch ein Wort zu Ali Haydar Kay-
tan sagen: Es gab einen Ali Ser und einen Reyber in der Ge-
schichte Dersims. Jetzt gibt es noch ein Schande aus Dersim, und das ist Ali Haydar Kaytan. Er verachtet diejenigen, die über die Verbrechen und Morde des türkischen Staates re-
cherchieren und Bücher dazu veröffentlichen. Aber was hat
er selbst eigentlich getan? Nichts, außer Apo in den Himmel gelobt und zum Propheten ernannt.

Vergeßt bloß nicht: Wenn sich Eurer Meinung nach Mahmut Kilinc schuldig gemacht hat, dann bekenne ich mich der glei-
chen Schuld für schuldig und auch, daß ich diese Schuld immer weiter begehen werde, daß ich vehement auf Eure Po-
litik des Verrats hinweisen werde, solange bis der Widerstand über den Verrat gesiegt haben wird. Ich werde mich zwar nicht auf Euer Niveau hinabbegeben, aber Euren Drohungen keinen fußbreit nachgeben. Ich werde jeden Angriff auf einen anderen Intellektuellen, den Ihr bedroht, als einen Angriff auch auf mich werten und mich dagegenstellen.

Diejenigen, die alle Andersdenkenden beschuldigen,
Agenten zu sein, sind selbst die Agenten

Ihr beschuldigt alle, die eine andere Meinung als Ihr vertreten, Agenten zu sein. Und was ist Öcalan, der Euch jeden Tag die Befehle des türkischen Generalstabs weitergibt? Und das was Ihr tut? Ich weiß, daß Euer großer Führer behauptet, ich sei ein Agent, wobei er sich jedesmal ein anderes Land einfallen läßt, dessen Agent ich angeblich sei. Ich kann diese Anschul-
digungen nicht ernst nehmen und lache genauso darüber wie alle anderen. Aber ich kenne Öcalan sehr gut. Was steckt wohl hinter dieser alten Phobie Öcalans, hinter seiner Hysterie, an jeder Ecke einen Agenten aufzustöbern?

Warum seid Ihr so unehrlich und schreibt über mich und an-
dere verlogene Rapports, wo Ihr doch vorher genauso davon überzeugt wart, daß Öcalan von Europa aus in die Hände des türkischen Generalstabs gelangen würde? Warum diese Nie-
dertracht?

Ist nicht vielmehr der wahre Grund Eurer Wut gegen mich, das Erscheinen meines Buches "Agri Dagini Tasimak" (Den Berg Ararat abtragen), mit dem ich für den Widerstand der PKK eintrete, und meine mit anderen Genoss/inn/en erarbeitete Broschüre Proklamation der "Kürdistan Ulusal Demokratik Insyatifi" (Nationale Demokratische Initiative Kurdistan)? Wa-
rum habt Ihr Angst vor dem Buch? Warum verbietet Ihr es, warum übt Ihr Druck aus auf Leser/innen und Verkäufer/innen des Buches?

Das Buch und die Proklamation verfolgen die Absicht, den Widerstand der PKK zu retten. Denn wenn Ihr so weitermacht, wird kein einziger durch den nationalen Befreiungskampf er-
kämpfter Wert mehr übrigbleiben, den Ihr nicht an den türki-
schen Staat verkauft. Wenn Ihr Euch wenigstens noch mit einem Haar mit dem verbunden fühlt, was durch den würdigen Kampf geschaffen wurde, dann hört auf das, was wir geschrie-
ben haben, denn damit haben wir die Gefühle hunderter unse-
rer Kämpfer/innen und Kader zum Ausdruck gebracht.

Ich frage Euch: Waren denn die Griechen, mit denen Öcalan seit 1988 in Verbindung stand, keine Geheimdienstleute ihres Landes? Oder die Russen, waren das denn keine russischen Agenten? Hat der deutsche Politiker Lummer nicht etwa im Namen des Geheimdienstes seines Landes mit Öcalan Ge-
spräche geführt? Und von welchem Staat des Mittleren Ostens haben jemals Politiker mit Euch Gespräche geführt? Von kei-
nem! Es waren immer nur Geheimdienstler, die mit Euch ge-
sprochen haben!

Und warum sollte der Geheimdienst Deutschlands oder irgend eines anderen europäischen Staates gegen Euch sein? Anfang August 1999 haben zwei Beamte des deutschen Geheimdien-
stes Erkundigungen über mich eingezogen, zehn Tage später wurde ich von vier Bestien, die Ihr auf mich gehetzt habt, auf hinterhältige Weise überfallen. Nach diesem Überfall wurde ich zur Staatsschutzpolizei in Köln gebracht. In dem Verhörraum habe ich vier Fahnen gesehen: von der MHP, den Kaplanci-An-
hängern, der Dev Sol und der PKK.

Ihr habt die PKK in Deutschland zum Objekt kriminalpolizeili-
cher Ermittlungen gemacht, indem ihr dort die entsetzlichsten politischen Morde nach dem 2. Weltkrieg verübt habt an so wehrlosen Menschen wie in Bremen an einem jungen Mann, der im Kampf für das kurdische Volk seine Beine verloren hat-
te und seiner Freundin, einer sehr jungen kurdischen Frau.

Was sollten die Geheimdienste schon durch uns über Euch in Erfahrung bringen wollen, was sie nicht sowieso schon alles wissen? Schließlich habt Ihr eine Reihe von Leute, die Ihr noch bis vor wenigen Jahren des Agententums bezichtigt habt, zu Euren Hauptstützen in vielen europäischen Ländern gemacht.

Glaubt Ihr wirklich, das Volk für dumm verkaufen zu können? Eines ist doch klar: die westeuropäischen Regierungen, Ge-
heimdienste und Polizeiapparate sind nicht gegen Euch, sondern gegen diejenigen, die sich Eurer Politik entgegen-
stellen. Sie verfolgen die PKK-Opposition, die Ihr ihnen zeigt. Denn Ihr habt den stärksten revolutionären Hort des Mittleren Ostens innerhalb weniger Monate zerstört. Jetzt verkauft Ihr Eure eigenen Kräfte an die Herrschenden in allen Regionen,
wo immer das verlangt wird.

Regt Euch nicht so auf und laßt Eure Demagogie! Ein großer Teil Eurer Führungsleute hat noch immer einen deutschen Asyl-Paß. Die Intellektuellen, die Euch unterstützen und die
Ihr früher des Agententums bezichtigt hattet, brauchen keinen Asyl-Paß mehr, denn sie sind schon lange eingebürgert.

Eure derzeitige Mission ist der
Krieg gegen andere kurdische Organisationen

Ich frage Cemil Bayik und Duran Kalkan: Warum beschuldigt Ihr mich, indem Ihr Euch jeweils auf den anderen von Euch beiden beruft, ich würde "den Krieg zwischen der Organisatio-
nen provozieren"? Soviel Unsinn ist kaum zu überbieten! Nicht ich bin es, der Krieg gegen die PUK führt, sondern Ihr! Schließlich befindet sich die PUK nicht bei mir hier in Europa, sondern in Südkurdistan. Daß die PSK Euer Feind ist, erklärt Ihr ohnehin tagtäglich. Warum erklärt Ihr nicht auch einmal, warum ausgerechnet ich die Ursache für Euren Krieg mit den anderen Organisationen in Südkurdistan sein soll?

Warum sagt Ihr nicht endlich einmal die Wahrheit: daß die "Kürdistan Ulusal Demokratik Insyatifi" (Nationale Demokra-
tische Initiative Kurdistan), der ich angehöre, ist, Kämpfe zwischen den verschiedenen kurdischen Organisationen, auf welchen Gründen auch immer sie beruhen mögen, verurteilt und daß sie die Solidarität unter den kurdischen Organisatio-
nen zu ihrem Grundprinzip erhoben hat? Warum lügt Ihr so offensichtlich? Warum versucht Ihr durch Gewaltanwendung zu verhindern, daß unsere Proklamations-Broschüre gelesen wird? Wie lange meint Ihr noch durch Lügen, Drohungen und Gewalt weiterzukommen?

Wie oben schon gesagt, lasse ich mich dadurch nicht beein-
drucken. Eure Drohungen schrecken mich nicht, wenngleich ich weiß, daß Ihr eine Reihe von Lumpen unter Eurem Kom-
mando habt, die Imitaten der MHP oder der Hizbullah gleichen. Habt Ihr jemals recherchiert, welche schmutzigen Sachen der Verantwortliche des Kölner Vereins, der zu den Organisatoren des Überfalls auf mich gehört, so gemacht hat, welcher Zunft die Angreifer angehören oder wer von ihnen wegen Drogenhan-
del vorbestraft ist? Aber sicher wißt Ihr das, denn solche Leute braucht Ihr ja.

Jeder Angriff auf mich, auf die anderen PKK'ler und Intellektuel-
len, ist ein Angriff, den die türkische Spezialkriegsbehörde über die Person Öcalans eingefädelt hat und der von Leuten inner-
halb der PKK bereitwillig ausgeführt wird. Aber wir werden uns solchen Angriffen widersetzen.

Ich klage Euch an!

Ihr habt die PKK in den Sog des türkischen Generalstabs ge-
bracht. Ihr habt die PKK ihrer Inhalte beraubt. Ihr habt die PKK zum Werkzeug kurdischer Bruderkämpfe gemacht. Ihr habt der MHP das Tor geöffnet, daß sie sich bis ins letzte Dorf Kurdi-
stans organisieren kann. Ihr habt den vom türkischen Nationa-
len Sicherheitsrat eingesetzten Anwälten Öcalans alle Türen zu den wichtigen Positionen in der HADEP geöffnet. Ihr be-
treibt einen parteiinternen Nachrichtendienst gegen die Oppo-
sition, übermittelt diese Erkenntnisse nach Imrali und macht damit die Betroffenen zur Zielscheibe der türkischen Konter-
guerilla. Ihr betreibt über gekaufte Journalisten Eurer Partei-
medien den imrali-türkischen Chauvinismus. Ihr verschwendet die Ressourcen des Volkes. Ihr gebt das Geld, das ihr vom Volk einsammelt, denjenigen, die Söldnerdienste für den tür-
kischen Staat leisten. Ihr mißbraucht Eure Macht dazu, die-
jenigen, die sich gegen Eure falsche Politik stellen, zu krimi-
nalisieren. Ihr belügt das Volk, ihr verbreitet auch Dinge, die Öcalan nicht gesagt hat oder gar nicht sagen konnte, als seine angeblichen Worte in der Öffentlichkeit. Ihr treibt Jugendliche, die sich der Guerilla angeschlossen hatten, weil sie für die Freiheit kämpfen wollen, stattdessen in den Bruderkrieg.

Es gibt nur einen Ausweg für Euch: weist das Imrali-Konzept zurück! Hört auf die Kritik. Befreit Euch schnellstmöglich aus der Südkurdistan-Falle. Bemüht Euch darum, ein gemeinsa-
mes Konzept mit den anderen kurdischen Organisationen zu erreichen. Entschuldigt Euch beim Volk für die Toten, die in den eigenen Reihen der PKK ums Leben gekommen sind. Beendet Eure Drohungen gegen die PKK'ler außerhalb der PKK. Hört auf damit, Spannungen innerhalb des Volkes zu provozieren. Praktiziert die Regeln der Anständigkeit in Euren Zeitungen und in Eurem Fernsehen. Hört damit auf, die Würde des Menschen zu beleidigen.

Wir werden nicht lockerlassen, bis Ihr das erfüllt. Und denkt daran, daß diejenigen, die nicht mehr lockerlassen wollen, immer mehr werden. Ich kenne Euch alle sehr gut und Ihr tut mir leid. Wie kann ein Mensch nur so tief sinken, so gefühllos, armselig und würdelos wie Ihr werden! Ihr grabt Euer eigenes Grab. Ihr seid in die Jauchegrube gestiegen. Laßt wenigstens diejenigen in Ruhe, die sich nicht mir Eurem Schmutz besu-
deln wollen.

Nieder mit dem Verrat! Nieder mit der politischen Falschheit!
Es lebe das kurdische Volk und sein würdiger Kampf!

24.Oktober 2000
Selahattin Celik