aus: Informationsdienst zur aktuellen Lage
in der Türkei und Kurdistan
Pressemitteilung Nr. 56 vom 31.12.1999

M.Þükrü Gülmüþ zu den Angriffen auf seine Person
durch die PKK

Bundesrepublik Deutschland:
Essen, 1.12.1999

An die Presse und Öffentlichkeit

Mein Name ist M.Þükrü Gülmüþ. Ich bin 46 Jahre alt und in Batman geboren.
Seit meiner Jugend kämpfe ich für das Selbstbestimmungsrecht des kurdischen Volkes und eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung. 1980 wurde ich wegen meiner politischen Aktivitäten als Kader der PKK verhaftet, gefoltert und zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt, von denen ich 11 Jahre u.a. in der Folterhöhle des Gefängnisses von Diyarbakir verbüßte. Dort erkrankte ich aufgrund der Folter, der katastrophalen hygienischen Verhältnisse und der schlechten Ernährung an Hepatitis, weshalb ich später eine Lebertransplantation bekam. Nach der Haftentlassung arbeitete ich politisch weiter, u.a. als Chefredakteur der später verbotenen Wochenzeitung "Yeni Ülke" und der Tageszeitung "Özgür Gündem". Aufgrund der weiter stattfindenden politischen Verfolgung musste ich nach Deutschland fliehen, wo ich als politischer Flüchtling lebe.

Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ist zu einem Teil der kurdischen Gesellschaft geworden. Sie repräsentierte auch den Freiheitswillen des kurdischen Volkes. Sie bestand nie nur aus der Person von Abdullah Öcalan (APO). Zehntausende Kurdinnen und Kurden haben ihr Leben für den Befreiungskampf des kurdischen Volkes gelassen. Der türkische Staatsterror wurde und wird von allen imperialistischen Mächten unterstützt.

Als Öcalan in die Türkei entführt wurde, habe ich wie viele andere dagegen protestiert und seine Freilassung gefordert. Doch habe ich mich niemals mit dem Alleinvertretungsanspruch Öcalans zufrieden gegeben. Ich lebe vor allem für die Unabhängigkeit und Freiheit meines Volkes und bin solidarisch mit allen Völkern der Welt, die für ihre Freiheit kämpfen. Denn, deren Unabhängigkeit und Freiheit ist auch meine.

Heute werden die Kurden mit Abdullah Öcalan identifiziert, als ob sich die Welt der Kurden nur um seine Person drehen würde. Der Staatsterror des türkischen Staates geht weiter. Der Weg des PKK-Chefs und des PKK-Präsidialrates, der die Versöhnung mit der sogenannten "neuen Weltordnung" will und nichts anderes als die Kapitulation bedeutet, wird von mir genauso wie von anderen nicht akzeptiert.
Ihre Argumente entsprechen nicht der Realität, denn der Krieg des türkischen Staates gegen das kurdische Volk und die revolutionäre Linke in der Türkei wird fortgesetzt, wie zuletzt das Massaker im Gefängnis von Ulucanlar in Ankara zeigte.
Ihre Friedensappelle sind aber auch nicht glaubwürdig, denn die PKK-Führung geht gegen Menschen, die diesen Kurs kritisieren selbst mit Unterdrückung und Einschüchterung vor.
Dieses Verhalten ist die Hysterie des Kapitulierens und die Schaffung interner Feindbilder, um eine freie Diskussion innerhalb der kurdischen Bewegung zu verhindern.

So wurde beispielsweise Mahir Welat, der bis vor kurzem noch selbst der PKK-Führung angehörte, als Hauptbeteiligter an einem "internationalen Komplott" gegen Öcalan ausgemacht . Auch M. Can Yüce, der sich seit 20 Jahren in türkischen Kerkern befindet, wurde innerhalb von 20 Minuten zu einer konterrevolutionären Person erklärt. Was ist das für eine Einstellung?

Um dies zu verstehen, muss man weder intellektuell noch sonst was anders sein. Etwas Vernunft und Anstand sowie etwas Gewissen ist dafür ausreichend. Ich bin der Meinung, dass eine solidarische Diskussion für das Entstehen einer demokratischen Gesellschaft notwendig ist. Ich habe meine Zweifel daran, ob diese Leute verstehen, was eine "politische demokratische Lösung" ist. Wie demokratisch die PKK-Führung ist, wird an ihrer Haltung gegen Andersdenkende deutlich. Aus folgenden Gründen sehe ich mich dazu veranlasst, mein Schweigen über die Vorgänge gegen meine Person zu brechen.

Ende November 1999 fand in Essen eine Veranstaltung statt, bei der ein ERNK-Vertreter fast eine Stunde lang gegen meine Person eine Hetze führte und folgendes erklärte: "Wir werden Þükrü Gülmüþ liquidieren, wenn wir ihn sehen. Und alle Personen, die Kontakte zu ihm pflegen, werden wir die Beine brechen! Dieses Urteil gilt auch für diejenigen, die Kontakte zu Nejdet Buldan und Selahattin Celik haben. Von nun an müssen sich unsere Massen daran halten."

Diese war nicht die erste an mich gerichtete Drohung. Im Juni `99 fand in Gelsenkirchen eine Veranstaltung statt, bei der ein Vertreter der ERNK bekundete, "die Schnauze von (...) werden wir aufreißen. Auch soll jede Person, die Þükrü Gülmüþ trifft, ihn ins Gesicht spucken" .
Nach dem brutalen Anschlag auf den Schriftsteller und Journalisten Selahattin Celik am 17. August d.J. wurde folgendes gesagt: "Vor dem Anschlag auf Selahattin wollten wir eigentlich Þükrü Gülmüþ
liquidieren. Aufgrund seiner Krankheit haben wir dies jedoch verschoben."
Nach dem Anschlag auf Selahattin Celik hat die ERNK-Europavertretung eine Erklärung mit folgendem Inhalt verbreitet: "....Dieser Vorfall steht in keinster Weise mit unserer Organisation in Verbindung......".
Doch kurze Zeit später kam es zu den Drohungen gegenüber dem ehemaligen Mitglieds des kurdischen Exilparlaments und Ex- Bürgermeisters von Yüksekova, Nejdet Buldan, in Gelsenkirchen.

Am 6. September 1999 erschien in der Tageszeitung "Özgür Politika" unter der Überschrift "It ürür kervan yürür" (Die Hunde bellen, die Karawane zieht jedoch weiter) ein Artikel von Taylan Pir, mit dem ich selbst im Gefängnis war. Darin heißt es: "Diese Leute haben bei jeder Attacke der PKK ein paar verbrauchte und wankelmütige Personen auf ihre Seite gezogen. Nun haben sie auch Selahattin Celik und Þükrü Gülmüþ auf ihrer Seite. Die radikalsten Angriffe kommen auch von der Seite dieser Wankelmütigen. Diese Kreise machen auf einer von einem Agenten namens Baran Funderman betriebenen Internetseite der `freien Diskussion` ihr volles Maul auf und beschimpfen die PKK und ihre Führer auf niederträchtigste, gemeinste und hinterlästigste Weise. Die Apoisten rufen erneut: Die Hunde bellen, die Karawane zieht jedoch weiter!"

Die Angriffe gegen mich wurden in der "Özgür Politika" von anderen Journalisten fortgesetzt. Danach haben sie ein paar Leute beauftragt, mich im Internet-Forum anzugreifen. Ich fand zunächst keine Erklärung für diese Angriffe. Doch bald fand ich einen 20-seitigen Aufruf des PKK-Führungsgremiums in meinem Briefkasten, in dem ich als "imperialistischer Handlanger, Deserteur, Kriegsprofiteur, Charakterloser, Abweichler...." bezeichnet werde. Somit wurde ich zur offenen Zielscheibe erklärt.

Freies Denken, Schreiben, Diskutieren ist ein Recht von allen Menschen. Niemand hat das Recht zu sagen, wer was denken und fühlen soll. Die menschlichen Beziehungen darf niemand unter Zwangsordnung stellen. Wer mein Freund und wer mein Feind ist, bestimme ich selbst. Es würde mir keine Sorge bereiten, auch wenn die ganze Welt mich mit "Agententum" beschuldigen würde, da ich mich ganz gut kenne. Mein Leben, mein Verhalten und meine Offenheit sprechen dagegen. Auch der türkische Staat konnte mich mit seinem Terror nicht von meiner Überzeugung abbringen.

Ich möchte hiermit erklären, dass mich auch diese Drohungen nicht von meiner Entschlossenheit, für die Freiheit des kurdischen Volkes einzutreten, abbringen werden. Wenn mir etwas zustößt, tragen diejenigen, die mich bedrohen und gegen mich Hetzkampagnen betreiben, dafür die Verantwortung. Es lebe der Freiheits- und Unabhängigkeitskampf des kurdischen Volkes und aller anderen Völker dieser Welt!

M. Þükrü Gülmüþ

 


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