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Die
Revolution, wahrscheinlich überall, wo es einmal beginnt ist zu Anfang
von Idealen der Freiheit, Unabhängigkeit und Demokratie geprägt. Vor allem
die Freiheit, frei sein ist das Ziel, weil der Istzustand das Gegenteilige
ist.
Es ist Unterdrückung des Geistes mit den Mitteln der Gewalt, meistens
über
einen psychischen Vorgang, wie Folter, Verhaftung oder Tod. Die Freiheit
als
Realwunsch, mit oder ohne ideologischen Dogmen und Hintergrunde wurde
durch den Tod verdrängt. Diese Entwicklung hat einen entscheidenden Ein-
fluß auf das vergangene kollektive Gedächtnis und bestimmt heute das Le-
ben der kurdischen Gemeinschaft im Herkunftsland und in der Diaspora.
Wenn
man sich die existenzielle Lebens- und Widerstandsphilosphie der
Kurden genauer ansieht und insbesondere das letzte Jahrhundert, insbeson-
dere die letzten zwanzig Jahren in Kurdistan berücksichtigt, so war der
Tod
immer ein täglicher Bestandteil des Lebens. In den letzten zwanzig Jahren
des bewaffneten Widerstandes der Kurden in der heutigen Türkei waren und
sind die Menschen täglich Repressionen ausgesetzt. Der Tod war und ist
ein
Bestandteil des Alltags in Kurdistan geworden. Es wurde versucht, diese
Unausweichlichkeit des Todes durch die Euphorie der Revolution, Freiheit
und Unabhängigkeit in verschiedenen Formen zu verdrängen. Ein unaus-
weichlicher Schutzmechanismus, der gerade in sozialistisch geprägten Or-
ganisationen - mehr als in religiös-fundamentalen Bewegungen - den Begriff
'Märtyrer' prägte und ausweitete, also die Unsterblichkeit, die "Fortsetzung
des Lebens im Volke". Die Freiheit, das individuelle und kollektive Leben
nach ihrem eigenen Willen zu gestalten, beflügelte die Menschen; Folter,
Deportationen, Gefängnis und Flucht wurden hingenommen, da es der "hei-
ligen Sache" diente. Und letztendlich, nach dem Paradigmenwechsel der
kurdischen Bewegung, vor allem nach der Kehrtwende der PKK und ihrer
Politik, führt dies heute die Intellektuellen, Revolutionäre, Freiheitskämpfer
und Teile der kurdischen Bevölkerung in die Isolation, verbunden mit dem
Fehlen eines erkennbaren Lebenssinns. Es sollte aber schon an dieser Ste-
lle verdeutlicht werden, dass, so grausam diese Tatsachen auch sein mögen,
diese Vergangenheit auch den Keim von möglicherweise neuer Weisheit, Er-
füllung und Perspektiven bergen kann.
Die
eindeutigste Tatsache des Lebens - eine Tatsache, die wir intuitiv be-
greifen - ist die Unausweichlichkeit des Todes. Schon früh, viel früher
als all-
gemein angenommen, lernen wir, dass wir dem Tod entgegengehen und ihm
nicht entkommen können. Und dennoch "...ist alles und jeder bestrebt",
wie
Spinoza sagte, "in seinem Sein zu verharren". In unserem Innersten besteht
ein nie endender Konflikt zwischen dem Wunsch nach Weiterleben, hier u.a.
durch den Versuch der Befreiung eines unterdrückten Volkes, das Kurdische,
und der Gewissheit des Todes.
Um dem
Ziel der Freiheit nahe zu kommen, wurde die Realität der individu-
ellen Freiheit für das Interesse eines "höheren Zieles", verleugnet oder
tabu-
isiert. Der Tod wurde "verboten", und wenn man ihn nicht verbieten kann,
dann versucht man ihn vielleicht zu "lieben". Es wurde versucht, auf vielfälti-
ge Weise ihn zu leugnen, ihm zu entkommen oder im letzten Augenblick
des Kampfes zu glauben, man lebe "ewig im Gedächtnis des Volkes".
Bilder, in denen Eltern ihre Kinder bei der Hand packen und sie der Revolu-
tion geben, damit sie für die "Ehre und das Blut des Landes" kämpfen und
sterben, sind noch lebendig im Gedächtnis vieler kurdischer Menschen.
Eltern, weltliche und religiöse Mythen trugen dazu bei, den Tod zu verleug-
nen; später personifizierten sie ihn, indem sie ihn als eine "normale
Ange-
legenheit" ansahen. Eine Ausnahmesituation, die in vielen Kriegen dieser
Welt bekannt ist.
Außerdem,
so schrecklich auch die Erfahrungen der letzen zwanzig Jahren
sein mögen, es ist immer noch weniger schrecklich als die Wahrheit, dass
der Keim des Verfehlens von Anfang an eigentlich zu erkennen war. Wie
es
Kinder tun, so hat man dem Tod und der schrecklichen Realität getrotzt:
Sie
nahmen dem Tod seinen Stachel, indem sie ihn verspotteten; sie forderten
ihn durch Tollkühnheit heraus oder beraubten ihn seiner Bedrohlichkeit,
in-
dem sie sich - in der kollektiven kurdischen Gesellschaft- von den Helden-
taten der kurdischen Guerilla ermutigen ließen.
Bei
den ständig auftretenden politischen und strategischen Fehlern der Be-
freiungsbewegung fand immer wieder eine Verdrängung statt; systematisch
wurde gelernt zu verdrängen und sich emotional abzulenken. Die Realität
wurde mythologisiert. "Der Führer ist unfehlbar", "die Guerilla wird Kurdistan
befreien", "die Gefängnisse werden zu Universitäten" etc. Alles wurde
in et-
was Positives verwandelt, ohne dass es reale politische und gesellschaftliche
Ansätze im Sinne einer linearen Entwicklung der Bewahrung des kollektiven
Gedächtnisses und dessen Weiterentwicklung für die zukünftige Generatio-
nen gegeben hätte. Stattdessen fand ein Dahinscheiden, eine innere Heim-
kehr ohne Heimat, eine Vereinigung mit einer Volksbewegung ohne Be-
wegung, eine Erlösung durch den Führer ohne Erlösung statt. Weiter wurden
innere und reale Gefängnisse geschaffen; Leugnung der Wirklichkeit mit
Hilfe
von Mythen; ein unermessliches Streben der kurdischen Jugendlichen nach
Freiheit, mit dem Glauben, über den Tod in die Unsterblichkeit zu gelangen;
unvergängliche Werke zu schaffen war nur und nur durch die Waffe und mit
dem "Führer-System" möglich, das in der kurzen Vergangenheit ein Über-
leben nur im Geiste anbot. Eine andere Wahrheit war aber auch, dass die
Menschen, die sich aktiv oder passiv an der kurdischen Bewegung beteilig-
ten, von den Mängeln und Risiken wussten. Auch die "Elite" der kurdischen
Bewegung wusste und erkannte mit ihrem gesunden Menschenverstand die
Tatsachen, aber der unbewusste Teil ihres Bewusstseins - das ist jener,
der
sie vor alles überflutender Furcht und Versagen schützt - hat den mit
den
Mängeln und Risiken assoziierten Schrecken abgespalten. Dieser Abspal-
tungsprozess vollzog sich bewusst, und nur in den Augenblicken, in denen
das Verleugnungsarsenal nicht mehr funktionierte und die Katastrophe des
Niedergangs mit voller Kraft durchbrach, war er für sie erkennbar. Das
ge-
schah in der Vergangenheit nur selten, vielleicht heute und jetzt. Ein
weiterer
Grund liegt vermutlich auch in der geringen Autonomie und Kritikfähigkeit
der
kurdischen "Elite".
Der
Glaube, etwas Besonderes zu sein oder eine besondere Aufgabe in
einer besonderen Zeit für ein besonders unterdrücktes Volk zu haben,
schloss ein, dass man glaubte, unverwundbar, unantastbar zu sein -
jenseits biologischer Gesetze und jenseits der Gesetze des menschlichen
Schicksals. Allen Menschen in diesem Krieg ist es widerfahren, dass sie
an einem bestimmtem Punkt ihres Lebens mit einer Krise konfrontiert wur-
den: In dem Buch werden einer Reihe von menschlichen Krisen beschrieben,
Krankheit, politischer Misserfolg, Trennung oder Isolierung. Plötzlich
und erst
jetzt offenbarte sich aber die Gewöhnlichkeit der eigenen Existenz, und
die
weitverbreitete Ansicht, im Leben (und vor allem in der Befreiungsbewegung)
ginge es ständig aufwärts, wurde und wird nun in Frage gestellt.
Während
der Glaube, etwas Besonderes zu sein, ein Gefühl innerer Sicher-
heit gab, suchten sie mit der zweiten Methode, dem Glauben an einen Retter,
den ewigen Schutz einer äußeren Macht, was ebenfalls scheiterte und wo-
durch der Abgrund noch tiefer wurde. Auch wenn viele als Einzelne versagten
oder krank wurden, auch wenn sie an den Abgrund des Lebens gerieten, so
glaubt man eben immer noch, dass die Führer der kurdischen Bewegung all-
mächtig, allgegenwärtig als Retter noch da sind und bald nach einer "Taktik"
alle wieder ns Leben zurückholen und endlich befreien werden. Sollte dies
nicht zutreffen, dann stehen jetzt schon andere Argumente bereit.
Verdrängung und Verleugnung sind feste Bestandteile dieser Befreiungs-
bewegung geworden.
Die
Folge davon ist heute, dass eine Gruppe von Menschen eine gewisse
Autonomie durch überhöhtes Selbstbewusstsein entwickelt; eine andere
sucht Sicherheit in der Vereinigung mit einer höheren Macht: Selbstbe-
hauptung steht gegen Verschmelzung und Abgrenzung gegen Aufgehen in
einem größeren Ganzen. Er wird entweder zum Vater seiner selbst, oder
er
bleibt das ewige Kind.
Die
dritte Alternative könnte auch eine Mischform von beiden bedeuten:
Dass wir durch das Bewusstsein unseres Todes, Krankheit oder politische
und soziale Verfehlungen reifen und unser Leben bereichern können.
Ein
anderes wichtiges Thema war und ist die Freiheit. Die Freiheit als
grundlegender Bestandteil der Existenz schien die Antithese des Todes
schlechthin zu sein. Während der Tod gefürchtet oder, als eine andere
Lösung "geliebt" wurde, wurde und wird die Freiheit als etwas eindeutig
Positives betrachtet. Doch die Freiheit aus existenzieller Sicht war und
ist
immer noch in Kurdistan mit Angst verbunden, denn schon der Begriff
'Kurdistan' sorgte für Gewalt und Schrecken gegen die Kurden aus Kurdi-
stan durch die Herrschenden. Die dortigen Alltagserfahrungen sind eben
nicht in ein wohlgeordnetes, von ewigen Gesetzen bestimmtes Universum,
in einen Frieden und Wohlsein hineingeboren zu werden und dies am Ende
wieder zu verlassen.
Freiheit
bedeutet aber auch, und das sollte verdeutlicht werden, dass man
für seine eigenen Entscheidungen, seine Taten, für seine eigene Lebens-
situation verantwortlich ist.
Zwar
kann das Wort verantwortlich auf verschiedenste Weise interpretiert
werden, ich ziehe jedoch Sartres Definition vor: Verantwortlich sein bedeutet
"Urheber sein", das heißt, jeder von uns ist der Urheber seines eigenen
Lebensplans. Wir haben die Freiheit, alles außer unfrei zu sein: Wir sind,
wie Sartre sagt, "zur Freiheit verdammt".
Die
"kurdische Elite" hat sich häufig dagegen gewehrt, Verantwortung zu
übernehmen. Deshalb kann es auch nur darum gehen, Techniken und Pro-
jekte zu entwickeln, die dieser "Elite" bewusst machen, dass sie die
Probleme zum Teil selbst verursacht oder eine Lösung erschwert. Daher
ist neben den vielen historischen Analysen und Interpretationen die Kon-
zentration auf das "Hier und Jetzt" gefragt. Die Übernahme von Verant-
wortung bringt die "Elite" vielleicht etwas auf den Weg der Veränderung,
bedeutet aber selbst noch nicht Veränderung. Das Ziel aber kann nur
Veränderung heißen, so sehr sich die "Elite" auch um Einsicht, Verant-
wortungsübernahme und Selbstverwirklichung bemüht. Freiheit erfordert
nicht nur Verantwortung für die existenziellen Entscheidungen dieses so
sehr geschundenen Volkes, sondern bedeutet auch, dass jede Veränderung
einen Willensakt voraussetzt.
Entscheidung
bedeutet immer Verzicht: Jedes Ja erfordert ein Nein, jede
Entscheidung bedeutet das Ende für alle anderen Optionen. Um es mit
Thomas Hardys Worten zu enden: "Der Weg zum Besseren, so es ihn gibt,
erfordert einen schonungslosen Blick auf das Schlimmste."
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