taz Berlin lokal
15.3.2002

Licht aus dem Osten

Kurdisches Liedgut
aus dem Hörsaal:

Kardes Türküler

einst von Studenten aus Istanbul gegründet,
öffnen mit ihrer Musik ein Fenster nach Ana-
tolien. Heute gilt das 20-köpfige Ensemble
als Vorreiter der türkischen Neo-Folk-Szene

von Imran Ayata

 

Weil die autoritäre Politik des türkischen
Staates auch vor den Universitäten nicht Halt
macht, entscheiden sich dort seit den Acht-
zigerjahren viele Studenten, ihre politischen
Ansichten über den Umweg Musik zu artiku-
lieren. Als Pionier dieser Bewegung gilt die
Band Grup Yorum, die sich bis heute durch
  Pathos und Parolen und weniger durch ihr
musikalisches Können profiliert. In ihren
Produktionen, deren Niveau an ambitionier-
te Schulbands erinnert, besingen sie einen
politischen Widerstand, der immer unsicht-
barer wird.

     
Sie sind kein Einzelfall: Seit den 80er-Jahren
unterhält jeder linke Zusammenhang eine Hof-
band. Deren Musiker rekrutierten sich oft aus
Fachbereichen, wo man musikalisches Talent
nicht unbedingt vermutet. Aber wichtiger als
musikalische Skills waren ohnehin andere Kri-
terien, meist politische. Für ambitionierte Mit-
  glieder solcher Bands wurde das auf Dauer
zu viel. Sie entschieden sich für Solokarrie-
ren. Und manch einer konnte mit eigenen
Produktionen demonstrieren, dass musika-
lischer Anspruch und politische Inhalte kei-
ne Gegensätze sein müssen.

     
So wie die Ende der 80er-Jahre von Studenten
der Bosporus Universität Istanbul gegründete
Band Kardes Türküler, die sich von Anfang an
nicht von Political Correctness hat leiten las-
sen - ein ziemlich mutiges Unterfangen, das
  dazu führte, dass sie vor allem durch ihre
Musik auf sich aufmerksam machten und
nicht nur mit ihren Texten oder politischen
Ansichten.

     
Schon in ihrer ersten Produktion "Kardes Tür-
küler" (1997) deutete das 20-köpfige Ensem-
ble an, dass man mit dem Einsatz unter-
schiedlicher Instrumente, vielseitigen Arrange-
ments, Rhythmusexperimenten und der Viel-
sprachigkeit Anatoliens einen eigenen Stil kre-
ieren kann. Das Spiel mit moderner Folk- und
Protestmusik verknüpfte Kardes Türküler mit
einer bis dahin unbekannten Lässigkeit, mal
mit eigenen Songs, mal mit neuem Zugriff auf
alte anatolische Lieder. Auch auf ihrem zwei-
ten Album "Dogu" (Osten) führten sie diesen
Ansatz konsequent fort. Und spätestens mit
  "Dogu" bildete sich nicht nur in der Türkei
eine immer größer werdende Fangemeinde.
Auch auf jeder mültikültürellen Party in Ber-
lin wird seit einiger Zeit mindestens einmal
ihr Hit "Kara Üzüm Habbesi" gespielt. Der
Videoclip zu diesem Song wurde in der Tür-
kei nicht ausgestrahlt: Die TV-Stationen
und die staatliche Zensurbehörde waren
über "kurdische Motive" pikiert. Von solcher
Ewiggestrigkeit ließen sich Kardes Türküler
jedoch nicht einschüchtern und traten de-
monstrativ auch auf politischen Festivals
auf.
     
Aus den ehemaligen Campusmusikern ist heu-
te eine populäre Folkcombo geworden, die mit
ausverkauften Tourneen, Auftritten im Ausland
und Auszeichnungen von sich Reden macht.
Das machte Kardes Türküler auch für die Kul-
turindustrie attraktiv: So engagierte Yilmaz Er-
dogan die Band, damit sie für sein Kinoschla-
ger "Vizyontele" (2001) die Filmmusik beisteu-
ern. Und auch Siwan Perwer, der Superstar der
populären kurdischen Musik in der Türkei, bat
vor zwei Jahren Kardes Türküler ins Studio.
  Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit, "Roj
û Heyv" (2000), gehört zu den besten Alben
des kurdischen Springsteen. Die Aufnahmen
mit Perwer haben bei Kardes Türküler ihre
Spuren hinterlassen: Seitdem beginnen die
Istanbuler ihre Konzerte meist mit "Mirkut",
einem Stück aus dem erwähnten Album.
Vermutlich gehts auch an diesem Freitag,
wenn Kardes Türküler erstmals in Berlin auf-
treten, mit dieser ein wenig an Rap erinnern-
den Einlage los.