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taz
Im Augenblick der Freiheit In der Türkei galt der Sänger Sivan Perwer einst als Symbolfigur des kurdischen Befreiungskampfs. Sein Konzert in Berlin fiel mit der guten Nachricht von der Festnahme Saddam Husseins zusammen
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| Für die
meisten Kurden hatte der Tag mit einer guten Nachricht begonnen: der Verhaftung von Saddam Hussein. Seinen Auftritt begann der kurdische Sänger Sivan Perwer denn auch mit einem Stück, das er eigens für diesen Abend |
komponierthatte.
"Dies ist unser Tag, ein Fei- ertag für alle Kurden", verkündete er darin mit leichtem Pathos, und schlug den Bogen zum Allgemeinen: "Die Zeit der Diktaturen läuft ab." |
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| Dennoch
war die Stimmung vor dem Konzert angespannt, es wimmelte nur so von Securi- ty- Leuten. Mit roten Armbinden zeigten sie vor dem "Haus des Rundfunks" am Berliner Funkturm unauffällig Präsenz, und positio- nierten sich auch im Sendesaal des einsti- gen SFB. Im vergangenen Jahr war es am |
Rande
eines Konzerts von Sivan Perwer zu Reibereien zwischen rivalisierenden politi- schen Fraktionen gekommen, darum der erhöhte Sicherheitsaufwand. Er zeigte aber auch, dass ein solches Konzert noch lan- ge keine Selbstverständlichkeit darstellt. |
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| Denn Sivan
Perwer ist eine Symbolfigur aus jener Zeit, als jede Äußerung in der lange ver- femten Sprache bereits ein Politikum darstell- te. Seinen Gesten haftet noch immer viel vom alten Geist der Selbstbehauptung an. Die Plu- derhosen und Stoffgürtel, mit denen er und seine Musiker in Peschmerga-Kluft auf die Bühne treten, lassen die Band aussehen, als wäre sie geradewegs aus den irakischen Ber- |
gen hinabgestiegen.
Über ihnen prangt eine kurdische Fahne in den Farben grün, weiß und rot, in der Mitte eine gelbe Sonne. Der Sänger selbst trägt, als Ausweis seiner Au- torität, das traditionelle Stofftuch Cefi um den Kopf gebunden. Seit dreißig Jahren wirkt er unverändert, auch wenn er sich mittlerwei- le wohl den Vollbart schwarz färbt. |
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| Auf seinen
Aufnahmen, die heute ganz alltäg- lich auf dem türkischen Kassettenmarkt zu kaufen sind und unbeanstandet die Zensur passieren, greift Sivan Perwer schon mal zu E-Gitarren und Synthesizern. Doch bei sei- nem Auftritt in Berlin gibt er sich ganz tradi- |
tionell
und akustisch: Mit der Saz-Laute in der Hand, und umrahmt von zwei Geigen, orientalischer Darbuka-Percussion, dem quäkenden Klang der Zurna, einer Art Schal- mei, sowie der melancholischen Melodik der Ney, einer Flöte. |
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| So begann
der Abend zunächst verhalten: Mit kurdischem Blues, der um klassische Themen wie Großgrundbesitzer, Gefängnisse und Hir- tenmädchen kreiste. Erst spät gewann das Konzert an Format: Als Sivan Perwer ein ein- dringliches Klagelied auf die Stadt Halab- |
dscha
anstimmte, die Opfer eines Giftgas- angriffs und zur Chiffre für die Unterdrückung der Kurden wurde. Und danach ein Stück fol- gen ließ, das vom Kampf gegen einen Dra- chen handelte. |
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| Es ist
diese Mischung aus traditionellem Volkslied und modernem Protestsong, mit der Sivan Perwer einst seinen Ruf begründe- te. Geboren im ostanatolischen Urfa, wuchs er mit den Mythen und epischen Märchen der Kurden auf. Als Student an der Univer- sität in Ankara nahm er erste Songs auf, |
die unter
der Hand zirkulierten, denn in der Türkei blieb die kurdische Sprache bis in die Neunzigerjahre hinein verboten. Den Pesch- merga-Kämpfern im Irak diente seine Musik genau so als Motivation wie den politisierten Studenten in der Türkei. |
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| Sivan
Perwer selbst floh dagegen schon 1976 ins Exil, nach Schweden und Deutsch- land. Dort lernte er Deutsch, und so versieht er seinen Vortrag gelegentlich mit deutschen |
Erläuterungen:
Auch wenn die, bis auf ein paar prominente Gäste wie Angelika Beer von den Grünen, kaum jemand im Saal be- nötigt. |
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| Stattdessen
verwandelt sich das Auditorium zum Schluss in einen Festsaal: Kinder tollen durch die Reihen, es wird viel geklatscht und mitgesungen, und zuletzt zum unvermeidli- chen kurdischen Reigentanz angetreten: Erst die jungen Mädchen, die sich in hochhackigen |
Schuhen
in den komplizierten Schritten der Dorftänze üben, dann haken sich die Jungs ein. Ein Mann im Anzug gesellt sich zu den Musikern auf der Bühne und rührt die große Trommel. So mündet auch dieser Abend zum Schluss in eine Art kurdisches Familienfest. |