taz
16.12.2003

 

Im Augenblick der Freiheit

In der Türkei galt der Sänger Sivan Perwer einst als Symbolfigur des kurdischen Befreiungskampfs. Sein Konzert in Berlin fiel mit der guten Nachricht von der Festnahme Saddam Husseins zusammen

Von DANIEL BAX

 

Für die meisten Kurden hatte der Tag mit einer
guten Nachricht begonnen: der Verhaftung von
Saddam Hussein. Seinen Auftritt begann der
kurdische Sänger Sivan Perwer denn auch mit
einem Stück, das er eigens für diesen Abend
  komponierthatte. "Dies ist unser Tag, ein Fei-
ertag für alle Kurden", verkündete er darin mit
leichtem Pathos, und schlug den Bogen zum
Allgemeinen: "Die Zeit der Diktaturen läuft ab."

     
Dennoch war die Stimmung vor dem Konzert
angespannt, es wimmelte nur so von Securi-
ty- Leuten. Mit roten Armbinden zeigten sie
vor dem "Haus des Rundfunks" am Berliner
Funkturm unauffällig Präsenz, und positio-
nierten sich auch im Sendesaal des einsti-
gen SFB. Im vergangenen Jahr war es am
  Rande eines Konzerts von Sivan Perwer zu
Reibereien zwischen rivalisierenden politi-
schen Fraktionen gekommen, darum der
erhöhte Sicherheitsaufwand. Er zeigte aber
auch, dass ein solches Konzert noch lan-
ge keine Selbstverständlichkeit darstellt.

     
Denn Sivan Perwer ist eine Symbolfigur aus
jener Zeit, als jede Äußerung in der lange ver-
femten Sprache bereits ein Politikum darstell-
te. Seinen Gesten haftet noch immer viel vom
alten Geist der Selbstbehauptung an. Die Plu-
derhosen und Stoffgürtel, mit denen er und
seine Musiker in Peschmerga-Kluft auf die
Bühne treten, lassen die Band aussehen, als
wäre sie geradewegs aus den irakischen Ber-
  gen hinabgestiegen. Über ihnen prangt eine
kurdische Fahne in den Farben grün, weiß
und rot, in der Mitte eine gelbe Sonne. Der
Sänger selbst trägt, als Ausweis seiner Au-
torität, das traditionelle Stofftuch Cefi um
den Kopf gebunden. Seit dreißig Jahren wirkt
er unverändert, auch wenn er sich mittlerwei-
le wohl den Vollbart schwarz färbt.

     
Auf seinen Aufnahmen, die heute ganz alltäg-
lich auf dem türkischen Kassettenmarkt zu
kaufen sind und unbeanstandet die Zensur
passieren, greift Sivan Perwer schon mal zu
E-Gitarren und Synthesizern. Doch bei sei-
nem Auftritt in Berlin gibt er sich ganz tradi-
  tionell und akustisch: Mit der Saz-Laute in
der Hand, und umrahmt von zwei Geigen,
orientalischer Darbuka-Percussion, dem
quäkenden Klang der Zurna, einer Art Schal-
mei, sowie der melancholischen Melodik der
Ney, einer Flöte.
     
So begann der Abend zunächst verhalten: Mit
kurdischem Blues, der um klassische Themen
wie Großgrundbesitzer, Gefängnisse und Hir-
tenmädchen kreiste. Erst spät gewann das
Konzert an Format: Als Sivan Perwer ein ein-
dringliches Klagelied auf die Stadt Halab-
  dscha anstimmte, die Opfer eines Giftgas-
angriffs und zur Chiffre für die Unterdrückung
der Kurden wurde. Und danach ein Stück fol-
gen ließ, das vom Kampf gegen einen Dra-
chen handelte.

     
Es ist diese Mischung aus traditionellem
Volkslied und modernem Protestsong, mit
der Sivan Perwer einst seinen Ruf begründe-
te. Geboren im ostanatolischen Urfa, wuchs
er mit den Mythen und epischen Märchen
der Kurden auf. Als Student an der Univer-
sität in Ankara nahm er erste Songs auf,
  die unter der Hand zirkulierten, denn in der
Türkei blieb die kurdische Sprache bis in die
Neunzigerjahre hinein verboten. Den Pesch-
merga-Kämpfern im Irak diente seine Musik
genau so als Motivation wie den politisierten
Studenten in der Türkei.

     
Sivan Perwer selbst floh dagegen schon
1976 ins Exil, nach Schweden und Deutsch-
land. Dort lernte er Deutsch, und so versieht
er seinen Vortrag gelegentlich mit deutschen
  Erläuterungen: Auch wenn die, bis auf ein
paar prominente Gäste wie Angelika Beer
von den Grünen, kaum jemand im Saal be-
nötigt.
     
Stattdessen verwandelt sich das Auditorium
zum Schluss in einen Festsaal: Kinder tollen
durch die Reihen, es wird viel geklatscht und
mitgesungen, und zuletzt zum unvermeidli-
chen kurdischen Reigentanz angetreten: Erst
die jungen Mädchen, die sich in hochhackigen
  Schuhen in den komplizierten Schritten der
Dorftänze üben, dann haken sich die Jungs
ein. Ein Mann im Anzug gesellt sich zu den
Musikern auf der Bühne und rührt die große
Trommel. So mündet auch dieser Abend zum
Schluss in eine Art kurdisches Familienfest.